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Gestaltwandler: Werwolf, Kitsune, Selkie und die Angst vor dem Fremden im Eigenen

Nächtlicher Waldweg: Schauplatz der Gestaltwandler-Mythen

Es gibt eine Figur, die in fast jeder Erzähltradition der Welt auftaucht und die uns bis heute unbehaglich macht: das Wesen, das die Gestalt wechselt. Der Mensch, der zum Wolf wird. Der Fuchs, der die Form einer schönen Frau annimmt. Die Robbe, die ihr Fell ablegt und an Land geht. Der Gestaltwandler ist kein einfaches Monster, das man mit Pflock oder Silberkugel besiegt und dann vergisst. Er sitzt tiefer. Er stellt eine Frage, die so alt ist wie das Erzählen selbst: Ist mein Gegenüber wirklich das, was es zu sein vorgibt? Und vielleicht beunruhigender noch: Bin ich selbst es? Dieser Artikel folgt dem Shapeshifter-Archetyp über die Kontinente, vom europäischen Werwolf über die japanischen Kitsune bis zu den Selkies der schottischen Inseln, und fragt, warum die Idee des Gestaltwechsels so universell und so dauerhaft erschreckend ist.

Der Werwolf: Das Tier im Menschen

Keine Gestaltwandler-Figur ist im Westen bekannter als der Werwolf, der Mensch, der sich in einen Wolf verwandelt. Doch das Bild, das wir heute im Kopf haben, der Mann, der bei Vollmond schreiend zum reißenden Tier wird, ist überraschend jung. Die Wurzeln der Lykanthropie reichen weit in die Antike zurück, und sie sahen ganz anders aus.

Eine der frühesten erhaltenen Werwolf-Erzählungen findet sich bei dem römischen Autor Petronius. In seinem Satyricon (1. Jahrhundert n. Chr.) erzählt die Figur Niceros, wie er nachts einen Begleiter beobachtet, der seine Kleider ablegt, sie mit Urin umkreist und sich in einen Wolf verwandelt. Am nächsten Tag erfährt Niceros, dass ein Wolf in der Nacht Vieh gerissen hat und von einem Knecht mit einem Speer verwundet wurde, und dass sein Begleiter eine Wunde an genau jener Stelle trägt. Diese Geschichte enthält bereits ein Kernmotiv, das den Werwolf über Jahrhunderte begleiten wird: die Wunde, die die Verwandlung verrät. Was dem Tier geschieht, trägt der Mensch am eigenen Leib.

Im Mittelalter und vor allem in der frühen Neuzeit verschob sich der Werwolf vom literarischen Motiv zur juristischen Realität. Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert kam es in Europa, besonders in Frankreich, in der Schweiz und im deutschsprachigen Raum, zu einer Welle von Werwolfprozessen. Diese liefen parallel zu den Hexenverfolgungen und folgten oft derselben Logik. Angeklagte gestanden unter Folter, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben, der ihnen die Verwandlung in einen Wolf ermöglichte. Der berüchtigtste Fall ist der des Peter Stumpp aus der Nähe von Köln, der 1589 hingerichtet wurde, beschuldigt zahlreicher Morde, die er angeblich in Wolfsgestalt begangen hatte. Hinter solchen Prozessen standen reale Ängste: Wölfe, die das Vieh bedrohten, ungeklärte Gewalttaten und das Bedürfnis einer Gemeinschaft, das Böse in einem benennbaren Nachbarn zu verorten.

Auffällig ist, dass das berühmte Vollmond-Klischee in den historischen Quellen kaum eine Rolle spielt. Die frühneuzeitlichen Werwölfe verwandelten sich durch Salben, durch einen Wolfsgürtel aus Tierhaut oder durch den Teufelspakt, nicht durch den Mond. Auch die Silberkugel als einziges wirksames Mittel ist eine moderne Erfindung. Beides verdankt sich der Populärkultur des 20. Jahrhunderts, insbesondere dem Hollywood-Film The Wolf Man (1941), der viele der heute selbstverständlichen Regeln überhaupt erst kanonisierte. Die Folklore selbst war weit weniger ordentlich, dafür weit beunruhigender, denn der Werwolf konnte buchstäblich jeder sein.

Kitsune und Tanuki: Die Verwandler Japans

Während der europäische Werwolf für die Angst vor der entfesselten Bestie steht, kennt die japanische Folklore Gestaltwandler ganz anderer Art. Hier sind es nicht Menschen, die zu Tieren werden, sondern Tiere, die menschliche Gestalt annehmen, und das oft mit Verschlagenheit, Witz und einer eigenen Moral.

Die berühmtesten unter ihnen sind die Kitsune, die Füchse. In der japanischen Vorstellung ist der Fuchs ein yōkai mit langem Leben und wachsender Macht. Je älter eine Kitsune wird, desto mehr Schwänze wächst sie, bis sie mit neun Schwänzen und einem Alter von tausend Jahren den Gipfel ihrer Kräfte erreicht. Kitsune können die Gestalt von Menschen annehmen, meist die einer schönen Frau, und treten in den Erzählungen in zwei großen Spielarten auf. Die zenko sind gütige, mit dem Reisgott Inari verbundene Füchse, Boten und Schützer. Die yako hingegen sind Schelme oder regelrecht bösartige Wesen, die Menschen täuschen, verführen und ins Verderben locken.

Lafcadio Hearn, der irisch-griechische Schriftsteller, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach Japan kam und einer der einflussreichsten westlichen Vermittler japanischer Folklore wurde, widmete den Füchsen in seinen Werken ausführliche Passagen. Er beschrieb den verbreiteten Glauben an die Fuchsbesessenheit (kitsunetsuki), bei der eine Kitsune in einen Menschen fährt und dessen Verhalten verändert, und er hielt fest, wie tief die Furcht und zugleich die Verehrung der Füchse im ländlichen Japan verwurzelt war. Ein klassisches Kitsune-Motiv ist die Heirat: Eine Kitsune nimmt die Gestalt einer Frau an, heiratet einen ahnungslosen Mann und lebt Jahre mit ihm, bis ein verräterisches Zeichen, ein Schatten mit Schwanz, ein im Schlaf hervortretendes Fellbüschel, ihre wahre Natur enthüllt und sie fortgehen muss.

Kitsune, der gestaltwandelnde Fuchsgeist der japanischen Folklore
Die Kitsune, der gestaltwandelnde Fuchs der japanischen Folklore. Mehr dazu im Bestiary-Eintrag zur Kitsune.

Neben den Füchsen stehen die Tanuki, die japanischen Marderhunde. Auch sie sind begabte Verwandler, doch ihr Charakter ist ein anderer. Wo die Kitsune oft elegant, berechnend und gefährlich erscheint, ist der Tanuki gutmütig, verfressen und tollpatschig. Seine Verwandlungen geraten weniger raffiniert, und in den Geschichten wird er häufig selbst zum Opfer seiner Streiche. Der Tanuki verwandelt sich in Teekessel, in Mönche, in ganze Landschaften, um Menschen hinters Licht zu führen, doch meist steckt eher Schabernack als echte Bosheit dahinter. In der modernen japanischen Kultur ist der Tanuki zur freundlichen Glücksfigur geworden, deren Tonstatuen vor Restaurants und Läden stehen. Die beiden Tierverwandler markieren so zwei Pole des Archetyps: die unheimliche Täuschung und der harmlose Trickster.

Selkie: Das gestohlene Fell

An den kalten Küsten Schottlands, der Orkney- und Shetlandinseln sowie Irlands lebt eine der melancholischsten Gestaltwandler-Figuren überhaupt: die Selkie. Eine Selkie ist im Wasser eine Robbe, doch an Land kann sie ihr Fell ablegen und nimmt dann menschliche Gestalt an, oft die einer Frau von außergewöhnlicher Schönheit.

Die bekannteste Selkie-Erzählung kreist um das gestohlene Fell. Ein Mann beobachtet eine Selkie, wie sie am Strand ihr Robbenfell ablegt, um in Menschengestalt zu tanzen. Er stiehlt und versteckt das Fell, woraufhin die Selkie nicht ins Meer zurückkehren kann. Sie wird seine Frau, gebiert ihm Kinder und führt ein äußerlich erfülltes Leben, doch sie sehnt sich unaufhörlich nach dem Meer. Eines Tages findet sie ihr verstecktes Fell wieder, oft mit Hilfe eines ihrer Kinder, streift es über und kehrt für immer ins Wasser zurück. Manche Versionen erzählen, dass sie ihre Kinder von See aus weiter besucht, als Robbe im Wellengang.

David Thomson hat in seinem Buch The People of the Sea (1954) diese Überlieferungen gesammelt, indem er die Inseln und Küsten bereiste und den Erzählern zuhörte. Sein Werk macht deutlich, dass die Selkie-Geschichten weit mehr sind als hübsche Märchen. Sie handeln von erzwungenen Bindungen, von der Unmöglichkeit, ein wildes Wesen dauerhaft zu zähmen, und vom Verlust einer Heimat, die man nicht vergessen kann. Die Selkie, die zwischen Meer und Land gefangen ist, wurde oft als Bild für die Frau gelesen, die in eine Ehe oder ein Leben gezwungen wurde, das nicht das ihre ist. Anders als Werwolf oder Kitsune ist die Selkie selten bedrohlich. Ihr Gestaltwandel erzeugt keine Angst, sondern Trauer.

Wusstest du?

Verwandt mit den Selkies sind die Robbenmenschen anderer nordatlantischer Traditionen, etwa die finfolk der Orkneys. Das Motiv des abgelegten Tierfells, das den Rückweg in die wilde Gestalt ermöglicht, kehrt weltweit wieder, von den Schwanenjungfrauen Europas bis zu den Vogelfrauen Sibiriens.

Nagual, Skinwalker und die Hexe als Tier

Der Gestaltwandel ist auch tief in den Traditionen der Amerikas und im europäischen Volksglauben verankert, und in beiden Fällen verschmilzt er häufig mit Vorstellungen von Hexerei und verborgener Macht.

In Mesoamerika kennt man den Nagual (auch nahual). In den Glaubenswelten der Nahua, Maya und anderer indigener Völker bezeichnet der Begriff einen Menschen, häufig einen Heiler oder einen Magier, der die Fähigkeit besitzt, sich in ein Tier zu verwandeln, oft in einen Jaguar, einen Puma, einen Vogel oder einen Hund. Eng damit verbunden ist die Vorstellung des tonal, eines tierischen Begleitgeistes, mit dem ein Mensch von Geburt an verknüpft ist. Der Nagual konnte seine Kräfte zum Schutz der Gemeinschaft einsetzen oder, in den dunkleren Erzählungen, um Schaden zu stiften. Diese Tradition ist bis heute lebendig und hat sich in vielen Regionen Mexikos und Mittelamerikas mit christlichen Vorstellungen vermischt.

Aus der Folklore der Diné, der Navajo, stammt eine Figur, über die hier nur mit Zurückhaltung gesprochen werden soll. Der Yee Naaldlooshii, im Englischen meist als Skinwalker wiedergegeben, ist innerhalb der Navajo-Kultur kein Unterhaltungsstoff, sondern ein zutiefst ernstes und gefürchtetes Thema, das traditionell nicht leichtfertig und nicht außerhalb des angemessenen Rahmens besprochen wird. Es geht dabei um die Verkehrung von Heilwissen ins Schädliche und um den Bruch grundlegender kultureller Werte. Aus Respekt vor dieser Haltung beschränkt sich dieser Artikel auf die schlichte Feststellung, dass auch die Navajo-Tradition eine Vorstellung vom verwandelten Menschen kennt, und überlässt die Deutung denjenigen, denen sie gehört. Die populärkulturelle Ausschlachtung dieser Figur in Filmen und Internet-Erzählungen wird dem Gegenstand nicht gerecht und ist von der hier gemeinten Überlieferung deutlich zu unterscheiden.

Im europäischen Volksglauben schließlich verschmilzt der Gestaltwandel mit dem Hexenbild. Über Jahrhunderte hielt sich die Überzeugung, dass Hexen die Gestalt von Tieren annehmen könnten, um ungesehen umherzustreifen, Schaden anzurichten oder Verfolgern zu entkommen. Besonders verbreitet waren die Verwandlung in einen Hasen und in eine Katze. Die Hexenhasen-Geschichten folgen oft demselben Muster wie die antike Werwolf-Erzählung: Ein Jäger schießt oder schlägt auf einen seltsamen Hasen, verwundet ihn, und kurz darauf zeigt eine verdächtige alte Frau im Dorf eine Wunde an genau jener Stelle. Wieder ist es die übertragene Verletzung, die die Identität von Tier und Mensch verrät, und wieder dient der Gestaltwandel dazu, eine Nachbarin als heimliche Bedrohung zu entlarven.

Was die Angst vor dem Gestaltwandler bedeutet

Wenn so unterschiedliche Kulturen unabhängig voneinander Gestaltwandler hervorgebracht haben, drängt sich die Frage auf, welche gemeinsame Furcht in diesen Figuren steckt. Mehrere Schichten lassen sich freilegen.

Die erste ist die Angst vor dem Tier im Menschen. Der Werwolf verkörpert die Möglichkeit, dass unter der dünnen Schicht der Zivilisation eine reißende Bestie lauert, dass Vernunft, Moral und Selbstbeherrschung jederzeit von Trieb und Gewalt überwältigt werden könnten. Der Mensch, der zum Wolf wird, ist die Verkörperung des Kontrollverlusts über die eigene Natur. Nicht zufällig fallen die Werwolfprozesse in eine Zeit, in der Gewaltverbrechen, deren Ursache man sich nicht erklären konnte, einen Sündenbock und eine Erzählung brauchten.

Die zweite Schicht ist die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität. Die Selkie, die zwischen Robbe und Frau gefangen ist, die Kitsune, deren menschliche Hülle jederzeit reißen kann, die besessene Person, durch die ein Fuchs spricht, sie alle berühren die beunruhigende Frage, wie stabil das eigene Ich überhaupt ist. Wer bin ich, wenn ich eine andere Gestalt tragen kann? Was bleibt vom Menschen, wenn das Tier in ihm die Oberhand gewinnt?

Die dritte und vielleicht sozial wirksamste Schicht ist die Angst vor dem Nachbarn, der nicht ist, was er scheint. In den Werwolfprozessen, in den Hexenhasen-Geschichten, in den Erzählungen über den bösartigen Nagual oder die yako-Kitsune ist der Gestaltwandler kein ferner Fremder, sondern ein Mitglied der eigenen Gemeinschaft, das ein doppeltes Leben führt. Der Gestaltwandel wird so zum Bild für das verborgene Wesen des Anderen, für Misstrauen, Verdacht und die Furcht, von den eigenen Leuten getäuscht zu werden. Mehr zu diesem Aspekt finden Sie in unserem Bereich Dark Folklore.

Interessant ist, wie sich der mythische Gestaltwandel mit realen Phänomenen verschränkt, die ihm über die Jahrhunderte Nahrung gaben. Die klinische Lykanthropie etwa ist ein seltenes, psychiatrisch dokumentiertes Syndrom, bei dem Betroffene die feste Überzeugung entwickeln, sich in ein Tier verwandelt zu haben oder zu verwandeln. Solche Fälle dürften manchen historischen Werwolf-Bericht mitgeprägt haben. Auch die Tollwut bietet einen plausiblen Hintergrund: Die Krankheit wird durch Bisse übertragen, verändert das Verhalten dramatisch, ruft Aggression, Speichelfluss und Wasserscheu hervor und verbindet so Tier und Mensch in einem schaurigen Verwandlungsbild. Und schließlich kennt die Medizingeschichte die Hypertrichose, eine seltene Form übermäßiger Körperbehaarung, deren Betroffene in früheren Jahrhunderten als „Wolfsmenschen" zur Schau gestellt wurden und das Bild vom behaarten Verwandelten im kollektiven Gedächtnis verankerten.

Warum uns Gestaltwandler bis heute faszinieren

Der Gestaltwandler ist nicht in der Vergangenheit geblieben. Im Gegenteil, kaum ein mythologischer Archetyp ist in der Gegenwartskultur so präsent. Von den Werwölfen in Teen Wolf über die rivalisierenden Wolfsrudel und Vampire in Twilight bis zu den unzähligen Verwandlern in Fantasy-Romanen, Videospielen und Serien hat die Figur eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit bewiesen.

Das hat Gründe, die tief im Archetyp selbst liegen. Der Gestaltwandel ist ein kraftvolles Bild für Erfahrungen, die jeder Mensch kennt. Er erzählt vom Doppelten in uns, von der öffentlichen Maske und dem verborgenen Selbst, von Trieben, die wir bändigen, und von Seiten, die wir vor anderen verstecken. Gerade in Erzählungen für junge Menschen wird die Verwandlung oft zur Metapher für die Pubertät, für den unkontrollierbar sich verändernden Körper, für das Gefühl, plötzlich ein Fremder im eigenen Leben zu sein.

Zugleich bedient der Gestaltwandler eine uralte Faszination für die Grenze zwischen Mensch und Tier, für die Sehnsucht, diese Grenze zu überschreiten, und für die Angst davor. Er erlaubt es Geschichten, Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und dem Verhältnis von Natur und Zivilisation in eine sinnliche, körperliche Form zu gießen. Solange Menschen sich fragen, wer hinter dem vertrauten Gesicht wirklich steckt, und solange sie das Tier in sich selbst spüren, wird der Gestaltwandler nicht verschwinden. Er ist, von Petronius bis Hollywood, das Spiegelbild unserer Unsicherheit darüber, was es heißt, ein einziger, gleichbleibender Mensch zu sein.

Quellen & Weiterführendes

  • Summers, Montague: The Werewolf. Kegan Paul, Trench, Trubner & Co., 1933.
  • Hearn, Lafcadio: Glimpses of Unfamiliar Japan (Abschnitte zu Kitsune). Houghton Mifflin, 1894.
  • Thomson, David: The People of the Sea: A Journey in Search of the Seal Legend. Turnstile Press, 1954.
  • Folklorepedia Bestiary: Zum Bestiary

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