Dunkler Winter
Der Hochsommer trägt seine Feste in hellem Licht: Mittsommer, Erntedank, ausgelassene Tänze unter offenem Himmel. Der Winter ist anders. Seine Folklore ist die düsterste, die unsere Kultur kennt: gehörnte Gestalten mit Ketten und Ruten, Hexen, die Säumigen den Bauch aufschlitzen, Heere von Toten, die durch die Nachtluft ziehen. Wer durch die Mythologie des Mittwinters streift, begegnet weniger dem gemütlichen Weihnachtsmann als einem Bestiarium aus Schrecken. Das ist kein Zufall. Die kälteste Jahreszeit war für vormoderne Gesellschaften die gefährlichste, und ihre Geschichten tragen die Spuren dieser Gefahr. Dieser Artikel folgt den dunklen Begleitern des Winters durch die Alpen, über die Nordsee bis nach Island und fragt am Ende, warum gerade die längsten Nächte die gruseligsten Bräuche hervorgebracht haben.
Im Alpenraum, in Österreich, Bayern, Südtirol, Slowenien und Teilen Kroatiens, hat der heilige Nikolaus einen Schatten. Er heißt Krampus, und er verkörpert alles, was der gütige Bischof nicht ist. Während Nikolaus am 6. Dezember die braven Kinder beschenkt, ist der Krampus für die bösen zuständig. Er ist eine zottelige, gehörnte Gestalt mit langer roter Zunge, glühenden Augen und einer Kette, die er rasselnd hinter sich herzieht. In der Hand trägt er eine Rute aus Birkenzweigen, mit der er ungezogene Kinder züchtigt, und auf dem Rücken eine Kiepe oder einen Sack, in dem er die ärgsten Missetäter fortträgt.
Der Name leitet sich vermutlich vom mittelhochdeutschen krampen (Kralle) ab, was auf die hakenförmigen Hände und Klauen der Figur verweist. Ikonografisch ist der Krampus eine Mischung aus mehreren Quellen: heidnische Vorstellungen wilder, gehörnter Naturgeister verschmolzen mit der christlichen Bildsprache des Teufels, der bekanntlich ebenfalls Hörner, Bocksbeine und eine lange Zunge trägt. Der amerikanische Autor Al Ridenour, der dem Brauch eine ausführliche Studie gewidmet hat, betont, dass der Krampus kein konserviertes Relikt aus grauer Vorzeit ist, sondern eine lebendige Tradition, die sich über Jahrhunderte ständig gewandelt und neu zusammengesetzt hat.
Den dramatischen Höhepunkt bildet der Krampuslauf, der traditionell am Vorabend des Nikolaustags, dem 5. Dezember (Krampusnacht), stattfindet. Männer, vereinzelt auch Frauen, schlüpfen in aufwendig geschnitzte Holzmasken und Felle aus Ziegen- oder Schaffell, behängen sich mit schweren Kuhglocken und ziehen lärmend durch die Gassen. Der Lärm ist Programm: Das Geläut der Glocken und das Rasseln der Ketten sollten ursprünglich die bösen Geister des Winters vertreiben. Was heute oft als folkloristisches Spektakel für Touristen daherkommt, hatte einst eine ernste rituelle Funktion an der dunkelsten Schwelle des Jahres.
Während der Krampus an den Nikolaus gebunden ist, gehört eine zweite Gestalt zur tiefsten Winterzeit: Frau Perchta, auch Percht, Berchta oder Bechtra genannt. Sie ist eine ambivalente Figur des Alpenraums und des bairisch-österreichischen Raums, halb segenspendende Hüterin, halb strafende Schreckgestalt. Jacob Grimm widmete ihr in seiner Deutschen Mythologie ausführliche Passagen und deutete sie als Nachfahrin einer alten weiblichen Gottheit, die über Haushalt, Spinnstube und die Ordnung des Jahres wachte.
In der lebendigen Brauchkultur spaltet sich die Percht in zwei Erscheinungsformen, die bei den winterlichen Perchtenläufen aufeinandertreffen. Die Schönperchten tragen kunstvolle, lichte Masken und bringen Glück, Fruchtbarkeit und Segen für das kommende Jahr. Ihnen gegenüber stehen die Schiachperchten (von schiach, hässlich) mit furchterregenden, dämonischen Fratzen, deren Aufgabe es ist, die bösen Geister und Dämonen des Winters zu vertreiben. In diesem Gegensatz aus Schön und Schiach spiegelt sich die doppelte Natur der Jahreszeit selbst: Segen und Bedrohung, Licht und Finsternis, dicht beieinander.
Frau Perchta selbst hat eine besonders düstere Seite, die ihr den Beinamen der „Bauchaufschlitzerin" eingetragen hat. In der Tradition kontrolliert sie während der Raunächte die Haushalte. Wer fleißig war, sein Spinnwerk vollendet und das Haus rein gehalten hat, dem ist sie wohlgesonnen. Wer aber faul war, das vorgeschriebene Festtagsmahl missachtet oder zur falschen Zeit gesponnen hat, den sucht sie heim: Der Sage nach schlitzt sie ihren Opfern den Bauch auf, entnimmt die Eingeweide und stopft die Höhlung mit Stroh, Werg und Scherben aus. Dieses drastische Motiv ist kein bloßer Gruseleffekt, sondern eine soziale Drohung, die Ordnung, Arbeitsethik und die Einhaltung der Festtagsregeln durchsetzen sollte.
Der Schauplatz für das Wirken der Perchta sind die Raunächte, auch Rauhnächte oder die Zwölften genannt: die zwölf Nächte zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar, die Spanne zwischen Weihnachten und Dreikönig. Diese „Tage zwischen den Jahren" galten als eine Zeit außerhalb der gewöhnlichen Ordnung. Der Grund liegt in der Diskrepanz zwischen Mond- und Sonnenkalender: Das Mondjahr ist um etwa elf Tage kürzer als das Sonnenjahr, und diese überzähligen, „toten" Tage wurden als eine Art Bruchstelle im Gefüge der Zeit empfunden, an der die normalen Gesetze ausgesetzt schienen.
In dieser Schwellenzeit galt die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten und Geister als durchlässig. Zahlreiche Bräuche und Verbote ranken sich um die Raunächte: Man durfte keine Wäsche aufhängen (in den weißen Tüchern könnten sich die wilden Geister verfangen oder ein Toter darin abgeholt werden), kein lautes Werk verrichten, vielerorts kein Rad drehen lassen, weder Spinnrad noch Wagenrad, weil das den Lauf der heiligen Zeit gestört hätte. Geräuchert wurde mit Weihrauch und Kräutern, um Haus und Hof zu reinigen, und das Wort „Rauhnacht" wird häufig mit eben diesem Räuchern in Verbindung gebracht.
Über allem aber schwebte die größte Bedrohung dieser Nächte: die Wilde Jagd. In der Vorstellung weiter Teile des germanischen Sprachraums zieht in den dunkelsten Nächten ein geisterhaftes Heer über den Himmel, ein tobender Zug aus Toten, Dämonen und Hunden. Jacob Grimm sammelte zahlreiche regionale Versionen dieses Glaubens und verband den Anführer der Jagd mit dem Gott Wotan beziehungsweise Odin, der als sturmbringender Totenführer durch die Lüfte reitet. Wer der Wilden Jagd begegnete, tat gut daran, sich flach auf den Boden zu werfen oder ins Haus zu flüchten, denn wer in ihren Sog geriet, konnte mitgerissen werden und nie zurückkehren. Das Heulen des Wintersturms in den langen Nächten dürfte dieser Vorstellung handfeste akustische Nahrung gegeben haben.
Wusstest du?
Die zwölf Raunächte wurden vielerorts als Orakel gedeutet: Jede Nacht stand für einen Monat des kommenden Jahres, und Träume oder das Wetter dieser Nacht galten als Vorzeichen für den jeweiligen Monat.
Nicht überall trägt der dunkle Begleiter Hörner. In Norddeutschland und weiten Teilen des protestantischen Raums übernimmt Knecht Ruprecht die Rolle des strafenden Gegenparts zum Gabenbringer. Er ist ein finsterer, oft schwarz oder in Fell gekleideter Geselle mit Rute und Sack, der die Kinder prüft: Können sie ein Gebet, waren sie brav, so gibt es Äpfel, Nüsse und Süßes; waren sie unartig, drohen Rutenschläge. Anders als der archaisch-dämonische Krampus wirkt Knecht Ruprecht menschlicher, ein strenger Knecht eben, doch seine Funktion ist dieselbe: Er ist die Drohkulisse hinter der Gabe.
Mit den deutschen Auswanderern reiste diese Figur über den Atlantik. In den Siedlungsgebieten der Pennsylvania Dutch entstand daraus der Belsnickel (vermutlich aus „Pelz-Nickel", also der pelzgekleidete Nikolaus). Der Belsnickel vereint Gabenbringer und Strafer in einer einzigen, zerlumpten Gestalt: Er klopft an die Fenster, erscheint mit Rute und einer Tasche voller Süßigkeiten und stellt die Kinder auf die Probe, bevor er Naschwerk auf den Boden wirft, das die Mutigen aufsammeln dürfen, stets unter der Drohung der Rute. In dieser Doppelnatur zeigt sich noch einmal das Grundmuster der Winterfolklore: Belohnung und Strafe, untrennbar verschränkt.
Kaum eine Region hat die dunkle Seite des Winters so reich ausgestaltet wie Island, wo die Nächte um die Wintersonnenwende beinahe endlos sind. Im Zentrum steht Gryla, eine monströse Trollin aus der alten isländischen Überlieferung. Sie wird als hässliches Wesen mit Hufen, mehreren Köpfen und einem unstillbaren Appetit auf ungezogene Kinder beschrieben: Der Sage nach steigt sie zur Weihnachtszeit von den Bergen herab, sammelt die unartigen Kinder in einem Sack und kocht aus ihnen einen Eintopf. Schon mittelalterliche isländische Quellen kennen Gryla, ursprünglich ohne festen Bezug zum Weihnachtsfest; erst später verband sich die Schreckgestalt mit der Jahreszeit.
Gryla ist die Mutter der Jólasveinar, der dreizehn Yule Lads. Diese Gesellen, ursprünglich grobe, diebische Unholde, kommen in den dreizehn Nächten vor Weihnachten einer nach dem anderen von den Bergen herab und kehren nach dem Fest einzeln wieder zurück. Ihre Namen verraten ihre Marotten: Stekkjarstaur (Schafsbedränger), Þvörusleikir (Löffelschlecker), Gáttaþefur (Türschnüffler), Ketkrókur (Fleischhaker) und andere. In der modernen isländischen Tradition haben sie sich, ähnlich wie der Weihnachtsmann andernorts, zu eher gutmütigen Gabenbringern gewandelt, die brave Kinder mit kleinen Geschenken im Schuh am Fenster beschenken und unartige mit einer fauligen Kartoffel strafen.
Am bedrohlichsten aber ist das Haustier der Familie: der Jólakötturinn, die Weihnachtskatze. Diese riesige, schwarze Katze streift in der Weihnachtsnacht umher und frisst jeden, der nicht mindestens ein neues Kleidungsstück zum Fest bekommen hat. Hinter diesem grausigen Bild steckt ein handfester sozialer Kern: Der Brauch sollte den Fleiß bei der herbstlichen Wollverarbeitung anspornen. Wer fleißig gearbeitet und beim Verspinnen der Wolle geholfen hatte, bekam zur Belohnung ein neues Kleidungsstück und war damit vor der Katze sicher; die Faulen blieben ohne neue Kleider und damit, der Drohung nach, der Weihnachtskatze ausgeliefert.
Auch jenseits des germanischen Raums kennt der Winter seine seltsamen Gestalten. In Wales zieht zur Jahreswende die Mari Lwyd umher, wörtlich etwa „graue Stute". Es handelt sich um einen echten Pferdeschädel auf einer Stange, geschmückt mit bunten Bändern, der unter einem weißen Tuch verborgen von einem Träger bewegt wird. Eine Gruppe von Begleitern zieht damit von Haus zu Haus. An der Tür entspinnt sich das sogenannte pwnco, ein Wettstreit aus improvisierten Reimen: Die Mari-Gruppe verlangt in Versen Einlass, die Bewohner versuchen, sie mit eigenen Versen abzuweisen. Wer im Reimduell unterliegt, muss nachgeben; gewinnt die Mari Lwyd, wird sie eingelassen und mit Speis und Trank bewirtet. Der Brauch gehört zur alten Tradition des Wassailings, des umherziehenden Heischens, und der bleiche, klappernde Pferdeschädel verleiht ihm einen unverkennbar gespenstischen Zug.
Sanfter, aber ebenfalls von der Schwelle des Jahres geprägt, ist die italienische Befana. In der Nacht zum 6. Januar, dem Dreikönigstag (Epiphania, woraus sich der Name Befana ableitet), fliegt eine alte Frau auf einem Besen von Haus zu Haus und füllt die Strümpfe der Kinder: braven Kindern bringt sie Süßigkeiten, unartigen ein Stück Kohle. Die Legende erzählt, die Befana habe den Heiligen Drei Königen den Weg zum Christkind nicht mitgehen wollen und suche seither in jeder Epiphaniasnacht selbst danach. Hexenartig in der Erscheinung, gütig im Wesen, markiert sie das Ende der Zwölften und damit den Schlusspunkt der dunklen Winterzeit.
Stellt man Krampus, Perchta, Wilde Jagd, Gryla und Mari Lwyd nebeneinander, drängt sich die Frage auf: Warum häuft sich das Düstere ausgerechnet in der Zeit, die wir heute als Fest des Lichts und der Liebe feiern? Die Antwort liegt in den realen Bedingungen des vormodernen Winters.
Da sind zunächst die längsten Nächte. Um die Wintersonnenwende herrscht die Dunkelheit über zwei Drittel des Tages. Vor der künstlichen Beleuchtung bedeutete das lange Stunden in Finsternis, in denen die Fantasie freies Spiel hatte und jedes Geräusch im Dunkeln bedrohlich wurde. Hinzu kamen Hunger und Kälte: Der Winter war die Zeit der knappen Vorräte, der erfrierenden Tiere, der Krankheiten und der erhöhten Sterblichkeit. Wer im November geschlachtet hatte, musste sorgsam haushalten, denn bis zum Frühjahr war es weit. Die Bedrohung durch Mangel und Tod war im Winter handfest und allgegenwärtig.
Entscheidend ist die Sonnenwende als Schwelle. Der kürzeste Tag markiert den Tiefpunkt des Jahres, den Moment, in dem das Licht entweder zurückkehrt oder, in der Logik des Mythos, eben nicht. Solche Wendepunkte galten in vielen Kulturen als Zeiten, in denen die Grenze zwischen den Welten dünn wird, an denen Tote und Geister näher an die Lebenden heranrücken. Die Raunächte sind das deutlichste Beispiel für diese Vorstellung einer durchlässigen Schwelle, doch das Muster zieht sich durch die gesamte Winterfolklore.
Das Dunkle ist dabei kein Gegensatz zum Lichterfest, sondern dessen notwendige Kehrseite. Wo Nikolaus belohnt, straft der Krampus; wo die Schönperchten Segen bringen, vertreiben die Schiachperchten die Dämonen; wo neue Kleider schützen, lauert die Weihnachtskatze. Diese Doppelung ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck einer Weltsicht, in der Segen und Bedrohung zwei Seiten derselben Medaille sind. Das Fest des Lichts gewinnt seine Kraft gerade aus der Finsternis, gegen die es sich behauptet.
Schließlich tragen viele dieser Bräuche vorchristliche Wurzeln in sich, die sich mit dem christlichen Kalender verschmolzen haben. Gehörnte Naturgeister, weibliche Schicksalsgöttinnen, das Heer der Toten, all das lässt sich nicht eins zu eins auf eine geschlossene heidnische Religion zurückführen, wie es romantische Deutungen oft nahelegen. Vielmehr handelt es sich um ein Geflecht aus älteren Vorstellungen, lokalen Erzählungen und christlicher Überformung. Der Krampus wurde zum Helfer des heiligen Nikolaus, die Percht zur Hüterin der Weihnachtszeit, die Befana zur Nachzüglerin der Heiligen Drei Könige. Das Heidnische verschwand nicht, es zog sich ins Brauchtum zurück und nahm christliche Kostüme an.
Bemerkenswert ist, dass diese finsteren Bräuche keineswegs aussterben. Im Gegenteil: Die Krampusläufe erleben seit Jahren eine sichtbare Renaissance, nicht nur in ihren alpinen Kernregionen, sondern weit darüber hinaus. In den Vereinigten Staaten haben sich Krampus-Paraden etabliert, die Figur taucht in Filmen, Comics und Computerspielen auf, und der Begriff „dark Christmas" beschreibt eine wachsende Lust an der schaurigen Seite des Festes. Was als bäuerlicher Schwellenritus begann, ist zum globalen popkulturellen Phänomen geworden.
Diese Wiederkehr ist mehr als Nostalgie. In einer Zeit, in der die Weihnacht oft als durchkommerzialisiertes Fest der Harmonie erscheint, bietet die dunkle Winterfolklore ein Gegengewicht: ein Stück ungezähmten Schreckens, das an die alte Ambivalenz der Jahreszeit erinnert. Wer dem Krampus begegnet oder den Geschichten von der Bauchaufschlitzerin lauscht, spürt etwas von der ursprünglichen Bedeutung dieser Bräuche, von einer Zeit, in der der Winter nicht gemütlich war, sondern eine Prüfung, die man überstehen musste. Vielleicht liegt darin der eigentliche Reiz: Die dunkle Folklore des Winters nimmt die längste Nacht ernst.
Wer tiefer in diese Welt eintauchen will, findet bei Folklorepedia weiterführende Sammlungen: eine Übersicht über die unheimlichen Gestalten und Motive der Dark Folklore, die regionalen Traditionen Europas und der Welt unter den Regionen sowie die vollständige Enzyklopädie der Wesen im Bestiary.