Sozialgeschichte
Bevor es Treppengitter, Schwimmbecken-Zäune und Steckdosensicherungen gab, gab es Geschichten. In einer Welt ohne Geländer, ohne ständige Aufsicht und ohne Notdienst war die wirksamste Sicherung, die Eltern ihren Kindern mitgeben konnten, eine Figur im Kopf: ein Wesen, das aus dem Wasser greift, im Wald lauert, im Sack davonträgt oder nachts unter dem Bett wartet. Nahezu jede Kultur hat solche Schreckgestalten hervorgebracht, und auffällig oft erfüllen sie dieselbe Funktion. Sie sind keine bloßen Gespenstergeschichten, sondern pädagogische Werkzeuge: Sie übersetzen reale Gefahren in greifbare Monster und reale Regeln in die Drohung, dass das Monster sonst kommt. Dieser Beitrag verfolgt diese Tradition durch mehrere Kontinente, von La Llorona über El Coco und Krampus bis zu den japanischen Namahage, und fragt am Ende, was Angst als Erziehungsmittel leistet, wo sie schadet und warum diese Figuren bis heute überleben.
Der Fachbegriff der Folkloristik für diese Wesen ist im Englischen der bogeyman, im weiteren Sinne die Gruppe der cautionary tales, der Warngeschichten. Ihr Bauprinzip ist erstaunlich gleichförmig, egal aus welcher Weltgegend sie stammen. Am Anfang steht eine konkrete Gefahr, mit der eine Gemeinschaft tatsächlich zu kämpfen hatte: ein tiefer Fluss am Dorfrand, ein Wald voller Wölfe, fremde Reisende auf den Wegen, die Dunkelheit, in der man Wege und Tiere nicht mehr sah. Aus dieser Gefahr wird eine Gestalt geformt, die die Gefahr verkörpert. Und an diese Gestalt wird eine Regel gebunden: Geh nicht allein ans Wasser. Verlass nicht den Pfad. Sei zu Hause, wenn es dunkel wird. Sprich nicht mit Fremden.
Der Vorteil dieses Verfahrens liegt auf der Hand. Ein kleines Kind versteht keine Statistik über Ertrinkungsfälle und keine Erklärung über Strömungsverhältnisse. Es versteht aber sehr genau, dass etwas Schreckliches aus dem Wasser greift, wenn es zu nah ans Ufer geht. Die Warngeschichte komprimiert komplexe Risiken in ein einziges Bild und macht sie damit für genau jene Altersgruppe handhabbar, die am stärksten gefährdet ist und am wenigsten erklärbar belehrt werden kann. Die Folkloristik beschreibt diese Wesen deshalb auch als „nursery bogies", als Kinderzimmer-Schreckgestalten, deren primäres Publikum die Jüngsten sind.
Die Literaturwissenschaftlerin Maria Tatar hat in Off with Their Heads! Fairy Tales and the Culture of Childhood herausgearbeitet, wie eng die überlieferte Erzähltradition für Kinder mit Disziplinierung, Drohung und Strafe verflochten ist. Geschichten waren über Jahrhunderte kein bloßer Zeitvertreib, sondern ein Instrument, mit dem Erwachsene Verhalten formten. Wer das im Blick behält, liest die folgenden Figuren anders: nicht als Kuriositäten des Aberglaubens, sondern als die Hausordnung einer Gesellschaft, gegossen in Schrecken.
Kaum eine Schreckgestalt verbindet Gefahr und Geschichte so dicht wie La Llorona, die „weinende Frau" der mexikanischen und lateinamerikanischen Folklore. In der bekanntesten Fassung ist sie eine Frau, die ihre eigenen Kinder im Fluss ertränkte und seither als ruheloser Geist an den Ufern umhergeht, klagend, suchend, nach Kindern greifend, die ihr begegnen. Ihr Weinen, so heißt es, hört man nachts am Wasser.
Welche moralischen Schichten man der Figur auch immer zuschreibt, ihre erzieherische Funktion ist unmittelbar. Sie ist eine Wächterin des Wassers. In Regionen, in denen Flüsse, Bewässerungskanäle und Seen die ständige Kulisse des Alltags bildeten und das Ertrinken kleiner Kinder eine reale, wiederkehrende Tragödie war, leistet La Llorona präzise das, was kein Zaun leisten konnte: Sie hält Kinder von gefährlichen Ufern fern und hält sie nach Einbruch der Dunkelheit im Haus. „Geh nicht allein ans Wasser" und „sei nachts zu Hause" sind die beiden Regeln, die in ihrer Gestalt zusammenlaufen. Dass die Geschichte zugleich Themen wie verlorene Liebe, Schuld und Reue verhandelt, macht sie für Erwachsene erzählenswert und für Kinder umso eindringlicher.
Wo La Llorona an das Wasser gebunden ist, zielt eine andere große Familie von Schreckgestalten auf die Gefahr durch Fremde und auf die simple Pflicht, ins Bett zu gehen. Im spanischen und lateinamerikanischen Raum ist das vor allem El Coco (auch El Cuco), ein gestaltloses, im Dunkeln lauerndes Wesen, das ungehorsame oder wache Kinder holt. Das überlieferte Wiegenlied „Duérmete niño, duérmete ya, que viene el Coco y te comerá" (schlaf, Kind, schlaf jetzt, sonst kommt der Coco und frisst dich) ist über Jahrhunderte gesungen worden und macht den Zweck unmissverständlich: Es ist ein Schlafzwang in Liedform.
Eng verwandt ist der Sackmann, der in vielen Sprachen auftaucht: als Hombre del Saco in Spanien und Lateinamerika, als Sackträger oder Sandmann-Schattenseite im deutschsprachigen Raum, als Croquemitaine in Frankreich. Sein Markenzeichen ist der Sack, in dem er unartige Kinder fortträgt. Diese Figur ist sozialgeschichtlich besonders aufschlussreich, weil sie eine sehr konkrete historische Angst aufnimmt: die vor umherziehenden Fremden, Bettlern, Hausierern und, in einigen Regionen, vor Menschenraub. Der Sackmann übersetzt das alte „Sprich nicht mit Fremden, geh nicht mit jemandem mit, den du nicht kennst" in eine einzige drohende Silhouette mit einem Sack über der Schulter.
In dieselbe Gruppe gehören der italienische Babau und der deutsche Butzemann, dessen Name in Abzählreimen und Liedern bis heute nachklingt. Beide sind eher vage gehaltene Drohgestalten ohne feste Gestalt, und gerade diese Unschärfe ist Teil ihrer Wirkung. Ein Monster, das man nicht genau beschreiben kann, lässt sich von der kindlichen Vorstellung mit allem füllen, was sie selbst am meisten fürchtet.
Eine eigene Logik bringen die winterlichen Begleitfiguren des Nikolaus mit. Der alpenländische Krampus und der norddeutsche Knecht Ruprecht arbeiten nicht mit einer einzelnen Gefahr, sondern mit einem ganzen Jahresregister des Verhaltens. Während der gütige Nikolaus die braven Kinder belohnt, ist die dunkle Begleitfigur für die Drohung zuständig: die Rute für die Unartigen, in der drastischeren Krampus-Überlieferung sogar das Forttragen im Korb oder Sack.
Diese Doppelstruktur aus Lohn und Strafe ist pädagogisch bemerkenswert, weil sie das ganze Jahr rückwirkend bewertet. Die Drohung „sei brav, sonst kommt der Krampus" wirkt nicht nur in einer akuten Gefahrensituation, sondern als dauerhafte Verhaltensregel mit einem festen Stichtag im Dezember. Knecht Ruprechts überliefertes Verhör, ob das Kind beten könne und ob es artig gewesen sei, macht aus dem Brauch eine jährliche Prüfung. Hier ist die Schreckgestalt kein Hüter eines einzelnen Ortes, sondern Buchhalter des Betragens.
Wusstest du?
Wo immer eine gütige Gabengestalt auftritt, taucht oft eine dunkle Begleitfigur auf: zum Nikolaus der Krampus oder Knecht Ruprecht, im niederländischen Raum andere Begleiter. Das Belohnungsprinzip scheint nach einem Gegenstück zu verlangen, das die Drohung übernimmt.
Eine literarische Verdichtung dieses ganzen Systems liefert ein einziges Buch: Der Struwwelpeter, 1845 vom Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann veröffentlicht. Hoffmann schrieb es ursprünglich für seinen eigenen Sohn, weil er die vorhandenen Kinderbücher zu langweilig und belehrend fand. Was dabei entstand, gilt heute als Musterbeispiel dessen, was die Pädagogikkritik später „Schwarze Pädagogik" nannte: Erziehung durch Abschreckung, Strafe und drastische Konsequenz.
Das Prinzip ist in jeder Bildgeschichte dasselbe. Ein Kind verstößt gegen eine Regel, und die Strafe folgt unmittelbar, körperlich und endgültig. Der Daumenlutscher wird vom „Schneider mit der Scher" heimgesucht, der ihm die Daumen abschneidet. Der Zappelphilipp, der bei Tisch nicht stillsitzen kann, reißt im Fallen das ganze Tischtuch mitsamt dem Essen herunter. Das Mädchen, das mit Streichhölzern spielt, verbrennt. Wer die Suppe nicht isst, verhungert. Es gibt keine zweite Chance, keine Reue, keine Rettung. Die Konsequenz ist das ganze Drama.
Sozialgeschichtlich interessant ist, dass der Struwwelpeter die mündliche Schreckgestalten-Tradition in die bürgerliche Stube überführt und ihr eine neue Funktion gibt. Die Gefahren sind hier nicht mehr Fluss und Wald, sondern Tischmanieren, Sauberkeit, Gehorsam und Selbstbeherrschung, also die Tugenden, die das Bürgertum des 19. Jahrhunderts von seinen Kindern verlangte. Aus dem Monster im Wald wird der Schneider, der zur Tür hereinkommt, sobald das Kind eine Hausregel bricht. Bis heute wird der „Zappelphilipp" gelegentlich als volkstümliche Umschreibung für unruhige Kinder gebraucht, ein Beleg dafür, wie tief das Buch sich eingeprägt hat.
Nicht alle Schreckgestalten sind Werkzeuge der Eltern. Manche werden von den Kindern selbst weitergegeben, und genau das macht sie aufschlussreich. Bloody Mary, die man angeblich heraufbeschwört, indem man im dunklen Badezimmer mehrfach ihren Namen vor den Spiegel spricht, ist eine Schreckgestalt der Mutprobe. Sie wird nicht erzählt, um Kinder klein zu halten, sondern um sich gegenseitig zu testen.
Die Folkloristik liest dieses Ritual als eine Schwellenerfahrung, die typischerweise an der Grenze zur Pubertät stattfindet. Im abgedunkelten Spiegel das eigene, verzerrte Gesicht zu suchen und dabei ein Erscheinen zu fürchten, hat eine deutliche Verbindung zu den Ängsten und Unsicherheiten dieses Lebensalters: zum sich verändernden Körper, zum eigenen Spiegelbild, zur Frage, wer man eigentlich wird. Hier dient die Schreckgestalt nicht der Durchsetzung einer Regel, sondern der Selbstprüfung in der Gruppe. Sie zeigt, dass dieselbe Grundform, das beschworene Monster, je nach Alter und Kontext ganz unterschiedliche soziale Aufgaben übernehmen kann.
Während die meisten dieser Wesen reine Erzählungen blieben, gibt es einen Ort, an dem die Schreckgestalt jedes Jahr leibhaftig durchs Dorf geht. Auf der Halbinsel Oga im Norden Japans treten zum Jahreswechsel die Namahage auf: Männer in dämonischen Masken und Strohgewändern, mit hölzernen Klingen, die von Haus zu Haus ziehen. Ihr überlieferter Ruf lautet sinngemäß: „Gibt es hier weinende Kinder? Gibt es ungehorsame Kinder?"
Der Brauch, der heute zum immateriellen Kulturerbe gezählt wird, ist eine institutionalisierte Erziehungsdrohung. Die Eltern versichern den Namahage, die Kinder seien brav gewesen, und bitten zugleich um Nachsicht, ein Verhandeln, das das Kind miterlebt. Die Botschaft an die Jüngsten ist eindeutig: Faulheit, Trotz und schlechtes Benehmen werden bemerkt, und einmal im Jahr kommt jemand, der danach fragt. Anders als ein bloßes Gespenst hat der Namahage zugleich eine segnende Seite; sein Besuch soll Unheil vertreiben und ein gutes Jahr bringen. Damit verbindet der Brauch Schrecken und Schutz in einer einzigen Gestalt, was an die Doppelnatur von Nikolaus und Krampus erinnert.
Zurück nach Europa, in den Wald. Baba Yaga, die Hexe der slawischen Folklore, haust tief im Wald in einer Hütte auf Hühnerbeinen und gilt als Menschenfresserin, besonders gefährlich für Kinder. Auch sie lässt sich als Hüterin einer Grenze lesen. Der Wald war über Jahrhunderte ein realer Gefahrenraum: Man konnte sich verirren, Raubtieren begegnen, erfrieren, verhungern. Eine Gestalt, die im Wald auf verirrte Kinder wartet, übersetzt das alte Tabu „Verlass nicht den Pfad, geh nicht allein in den Wald" in eine konkrete Bedrohung. Zugleich ist Baba Yaga ambivalenter als ein reiner Schrecken: In vielen Märchen prüft und belohnt sie diejenigen, die sich richtig verhalten, was sie zur Hüterin nicht nur des Waldes, sondern auch der richtigen Umgangsformen mit dem Unbekannten macht.
Eine literarische Zuspitzung derselben Waldangst ist Goethes Ballade vom Erlkönig (1782). Ein Vater reitet mit seinem fiebernden Kind durch die nächtliche Landschaft, und das Kind sieht im Dunkel eine lockende, schließlich tödliche Gestalt, die der Vater nicht wahrnimmt. Die Ballade ist kein Volksmärchen, sondern Kunstdichtung, aber sie verdichtet genau jenen Stoff, aus dem die Schreckgestalten gemacht sind: die Nacht, den Wald, die unsichtbare Gefahr, das gefährdete Kind. Dass sie bis heute auswendig gelernt und vertont wird, zeigt, wie nah literarische Hochkultur und volkstümliche Warngeschichte beieinanderliegen.
Bleibt die Frage, die all diese Figuren verbindet: Funktioniert Erziehung durch Angst? Eine differenzierte Antwort muss beides anerkennen, den Nutzen und den Preis.
Auf der Habenseite steht die unmittelbare Wirksamkeit in einer Welt ohne technische Sicherungen. Ein Kind, das aus Furcht vor La Llorona dem Fluss fernbleibt, ist tatsächlich sicherer. Die Warngeschichte ist anschlussfähig an die kindliche Vorstellungskraft, sie braucht kein Lesen, keine Erklärung, keine Aufsicht rund um die Uhr. In Gesellschaften mit hoher Kindersterblichkeit, in denen ein unbeaufsichtigter Moment am Wasser oder im Wald tödlich enden konnte, war diese Form der Risikokommunikation ein nachvollziehbares, womöglich lebensrettendes Mittel.
Auf der Sollseite stehen die Schattenseiten der Angstpädagogik. Furcht erzeugt Gehorsam, aber kein Verständnis. Ein Kind, das nur aus Angst vor dem Sackmann nicht mit Fremden spricht, lernt nicht, Situationen einzuschätzen, sondern lediglich, sich zu fürchten. Drohgestalten können nächtliche Ängste, Schlafstörungen und ein generalisiertes Misstrauen befördern, und die drastischeren Formen, von Krampus-Strafen bis zu den abgeschnittenen Daumen des Struwwelpeter, grenzen an seelische, mitunter körperliche Gewalt. Die moderne Pädagogik hat die Schwarze Pädagogik aus guten Gründen kritisiert: Erziehung, die primär mit Angst und Strafe arbeitet, beschädigt häufig genau das Vertrauen, auf das sie sich stützt.
Es lohnt sich, hier weder zu verklären noch vorschnell zu verurteilen. Diese Geschichten sind aus Notlagen entstanden, aus Sorge so gut wie aus Strenge. Sie zu verstehen heißt, die Lebensbedingungen mitzudenken, unter denen sie nützlich erschienen – und zugleich anzuerkennen, warum heutige Erziehung andere Wege sucht. Wer tiefer in diese ambivalente Seite der Überlieferung einsteigen möchte, findet im Bereich Dark Folklore weitere Beispiele dafür, wie eng Schrecken und Sinn beieinanderliegen.
Man könnte annehmen, dass Schreckgestalten mit Aufklärung, Pädagogik und Kinderschutz überflüssig geworden seien. Das Gegenteil ist der Fall. Die Figuren überleben, und neue entstehen. Das liegt zunächst daran, dass die zugrunde liegenden Ängste nicht verschwunden sind: Wasser, Dunkelheit, Fremde und das Unbekannte sind weiterhin reale Themen, und Kinder fürchten sie weiterhin. Eine Gestalt, die diese Furcht bündelt, bleibt anschlussfähig.
Hinzu kommt, dass dieselben Geschichten für Erwachsene andere Funktionen übernehmen. Sie tragen Werte, Erinnerungen und kulturelle Zugehörigkeit weiter; sie werden zu Festen aufgeführt, in Filmen erzählt, an Lagerfeuern weitergegeben. Eine vergleichbare Wanderung lässt sich auch bei anderen Märchenfiguren beobachten, wie der Beitrag über die dunkelsten Grimm-Märchen zeigt: Was als Warnung begann, lebt als Erzählstoff weiter, lange nachdem die ursprüngliche Gefahr verblasst ist.
Am deutlichsten zeigt sich die Langlebigkeit der Form dort, wo sie sich neu erfindet. Die Internet-Folklore der letzten Jahre hat eigene Schreckgestalten hervorgebracht, allen voran den Slender Man, eine 2009 in einem Online-Forum erfundene, gesichtslose Figur im Anzug, die Kinder verfolgt und im Wald auftaucht. Innerhalb weniger Jahre verbreitete sich diese Gestalt so weit, dass sie sich von ihrem Ursprung löste und wie eine echte Überlieferung zu wandern begann. Sie zeigt, dass der alte Mechanismus intakt ist: Eine Gemeinschaft, hier eine digitale, formt aus ihren Ängsten eine Gestalt, bindet sie an Orte und Verhaltensweisen und gibt sie weiter. Die Monster, mit denen Generationen erzogen wurden, sind nicht ausgestorben. Sie haben nur das Medium gewechselt.