Vergleichende Mythologie
Es gibt eine Figur, die in den Mythen fast aller Völker auftaucht, obwohl die Kulturen, die sie ersannen, durch Ozeane und Jahrtausende getrennt waren. Sie hat viele Gesichter: mal eine Spinne in den Wäldern Westafrikas, mal ein Gestaltwandler unter den nordischen Göttern, mal ein Fuchs in den Tempeln Japans, mal ein Kojote in den Halbwüsten Nordamerikas. Diese Figur ist der Trickster, der Grenzgänger und Regelbrecher, der lügt und betrügt, der scheitert und sich blamiert, und der den Menschen ausgerechnet dabei das Feuer, die Geschichten und das Wissen bringt. Wer den Trickster verstehen will, versteht etwas Grundlegendes darüber, wie Gesellschaften mit Ordnung, Chaos und ihren eigenen Tabus umgehen.
Der Trickster ist keine einzelne Gestalt, sondern ein Typus, ein Archetyp, der in der vergleichenden Mythologie immer wieder mit erstaunlich ähnlichen Eigenschaften auftaucht. Im Kern ist er ein Wesen, das zwischen den Kategorien steht: zwischen Mensch und Tier, zwischen Gott und Sterblichem, zwischen Ordnung und Chaos, zwischen heilig und profan. Er gehört nirgendwo richtig hin, und genau diese Position macht ihn so mächtig und so gefährlich.
Charakteristisch für den Trickster ist seine tiefe Ambivalenz. Er ist kein Bösewicht im moralischen Sinne, aber auch kein Held. Er bringt der Menschheit kulturelle Errungenschaften, oft durch Diebstahl oder List, und stürzt sich und andere zugleich ins Unglück. Diese Doppelnatur ist kein Widerspruch, der aufgelöst werden müsste, sondern der eigentliche Kern der Figur. Der Trickster zeigt, dass Schöpfung und Zerstörung, Klugheit und Dummheit, Segen und Fluch oft aus derselben Quelle stammen.
Drei Funktionen kehren bei Tricksterfiguren rund um den Globus wieder. Erstens ist er der Regelbrecher, der Tabus überschreitet, soziale Normen aushebelt und die etablierte Ordnung herausfordert. Zweitens ist er der Kulturbringer, der den Menschen Feuer, Sprache, Ackerbau oder Geschichten verschafft, häufig gegen den Willen der Götter. Drittens ist er der Narr, dessen eigene Gier und Eitelkeit ihn immer wieder zu Fall bringen, sodass das Publikum aus seinem Scheitern lernt.
In der Folklore der Akan-Völker Westafrikas, besonders in Ghana, ist Anansi der Trickster schlechthin. Er ist eine Spinne, die zugleich menschliche Züge trägt und mit den Göttern verhandelt. Sein Name ist so eng mit dem Erzählen verbunden, dass die traditionellen Geschichten der Region schlicht Anansesem heißen, die Geschichten von Anansi.
Die bekannteste Erzählung berichtet, wie Anansi in den Besitz aller Geschichten der Welt gelangte. Anfangs gehörten sämtliche Geschichten dem Himmelsgott Nyame. Anansi wollte sie haben, und Nyame nannte einen Preis, den niemand zu zahlen vermochte: vier gefährliche Wesen, darunter eine Python, einen Leoparden und einen Schwarm Hornissen, lebendig gefangen und herbeigebracht. Wo rohe Gewalt versagte, siegte Anansis List. Die Python überredete er, sich zum Vergleich an einem Ast auszustrecken, und band sie fest. Den Leoparden lockte er in eine Grube. Die Hornissen täuschte er mit einem vorgetäuschten Regenschauer in eine Kürbisflasche. So gewann er die Geschichten, und seither tragen sie seinen Namen.
Anansi ist der klassische Kulturbringer-Trickster: Was er den Menschen verschafft, ist nicht Feuer oder Werkzeug, sondern das Erzählen selbst, der Stoff, aus dem Erinnerung und Wissen gemacht sind. Bemerkenswert ist, dass Anansi mit Verstand und Witz gewinnt, nicht mit Stärke. In einer Welt, in der die Mächtigen über die Schwachen herrschen, verkörpert die kleine Spinne die Hoffnung, dass Klugheit über Macht triumphieren kann. Diese Botschaft reiste mit den versklavten Menschen über den Atlantik: In der Karibik und im amerikanischen Süden lebte Anansi als „Aunt Nancy" oder „Anancy" weiter und wurde zur heimlichen Heldenfigur der Unterdrückten. Mehr zu seiner Gestalt findet sich im Eintrag zu Anansi im Bestiary.
In der nordischen Mythologie trägt der Trickster den Namen Loki, und kaum eine Figur des germanischen Götterhimmels ist widersprüchlicher. Loki lebt unter den Asen, den Göttern um Odin und Thor, ist aber selbst von Riesengeschlecht. Schon damit verkörpert er die typische Zwischenstellung des Tricksters: Er gehört zu den Göttern und steht zugleich außerhalb, ein Grenzgänger zwischen den verfeindeten Mächten der nordischen Kosmologie.
Loki ist ein Meister der Verwandlung. Er nimmt die Gestalt eines Lachses an, einer Stute, einer Fliege, einer alten Frau. In einer der seltsamsten Episoden wird er als Stute Mutter des achtbeinigen Pferdes Sleipnir, das später Odin trägt. Diese Wandlungsfähigkeit ist mehr als ein Zaubertrick: Sie macht Loki unfassbar, unberechenbar, nicht festzulegen, weder auf eine Gestalt noch auf eine Loyalität.
Seine Ambivalenz zeigt sich in den Geschichten immer wieder. Mal hilft Loki den Göttern aus selbst verschuldeter Not, mal bringt er sie überhaupt erst in Gefahr. Er verschafft den Asen ihre kostbarsten Besitztümer, Thors Hammer Mjölnir, Odins Speer Gungnir, Sifs goldenes Haar, indem er die Zwerge gegeneinander ausspielt. Zugleich ist er es, der den Tod des lichten Gottes Balder verschuldet, indem er den blinden Hödur dazu bringt, einen Mistelzweig auf den sonst unverwundbaren Balder zu schleudern. Mit diesem Mord kippt Loki endgültig von der Rolle des störenden Schalks in die des Widersachers.
Auch als Vater ist Loki eine Quelle des Chaos. Mit der Riesin Angrboda zeugt er drei Ungeheuer, die in der nordischen Weltsicht den Untergang verkörpern: den Fenriswolf, der bei Ragnarök Odin verschlingt, die Midgardschlange, die die Welt umspannt, und Hel, die Herrin des Totenreichs. Am Ende der Zeiten steht Loki nicht mehr aufseiten der Götter, sondern führt die Mächte des Chaos in die letzte Schlacht. Sein Bogen reicht vom hilfreichen Schelm bis zum Vernichter, und genau diese Spannweite macht ihn zum vielleicht reinsten Trickster der europäischen Überlieferung.
Wusstest du?
Der englische Wochentag „Wednesday" geht auf Odin (Wodan) zurück, doch ausgerechnet Loki hat keinen Wochentag. Als Figur ohne festen Ort im Götterhimmel passt das gut zu seiner Rolle als ewiger Außenseiter.
Japan kennt seinen Trickster in Gestalt des Fuchses, der Kitsune. Diese Wesen sind weit mehr als gewöhnliche Tiere: Mit zunehmendem Alter und wachsender Macht entwickeln sie übernatürliche Fähigkeiten, vor allem die Gabe, menschliche Gestalt anzunehmen. Ein besonders mächtiger Kitsune kann neun Schwänze tragen, ein Zeichen höchster Weisheit und beinahe göttlicher Kraft.
Die Ambivalenz, die alle Trickster prägt, ist beim Kitsune in zwei Erscheinungsformen aufgespalten. Auf der einen Seite steht der nogitsune, der wilde Fuchs, der Menschen täuscht, verführt und in die Irre führt. In zahllosen Erzählungen nimmt ein Kitsune die Gestalt einer schönen Frau an, heiratet einen Mann und lebt jahrelang mit ihm, bis ein verräterischer Schatten oder ein hervorlugender Schwanz die Täuschung verrät. Diese Geschichten kreisen um Begehren, Vertrauen und den schmalen Grat zwischen Liebe und Betrug.
Auf der anderen Seite steht der heilige Fuchs, der zenko, der als Bote der Reisgöttin Inari verehrt wird. An tausenden Inari-Schreinen in ganz Japan wachen steinerne Fuchsstatuen, oft mit einer Reisgarbe oder einem Schlüssel im Maul. Hier ist der Kitsune kein Betrüger, sondern ein Bindeglied zwischen Mensch und Gottheit, ein Beschützer der Ernte und des Wohlstands. Dass dieselbe Tierfigur zugleich gefürchteter Verführer und verehrter Götterbote sein kann, zeigt die typische Doppelnatur des Tricksters in besonders klarer Form. Der Eintrag zum Kitsune im Bestiary geht ausführlicher auf seine Stufen und Kräfte ein.
In den Mythen vieler indigener Völker Nordamerikas, von den Stämmen der Great Plains bis zu den Kulturen des Südwestens und der Westküste, ist der Kojote die zentrale Tricksterfigur. Kaum eine andere Gestalt verbindet die Rollen von Schöpfer und Narr so untrennbar miteinander. In manchen Erzählungen hilft der Kojote, die Welt zu ordnen, bringt den Menschen das Feuer oder bestimmt, warum der Tod endgültig ist. In anderen ist er ein gieriger, lüsterner, prahlerischer Tor, dessen Pläne regelmäßig nach hinten losgehen.
Eine verbreitete Erzählung berichtet, wie der Kojote den Menschen das Feuer stiehlt, das eifersüchtig von übernatürlichen Wesen gehütet wird. Er erschleicht es durch List und reicht es in einem Staffellauf von Tier zu Tier weiter, bis es bei den Menschen ankommt. Hier ist der Kojote der Prometheus Nordamerikas, der Kulturbringer, der gegen die Mächtigen aufbegehrt. Im nächsten Atemzug aber kann dieselbe Figur an ihrer eigenen Maßlosigkeit scheitern, sich selbst überlisten und zum Gespött werden.
Diese Geschichten hatten eine wichtige erzieherische Funktion. Sie wurden traditionell im Winter erzählt und vermittelten, oft auf komische Weise, was geschieht, wenn man Maß und Anstand vergisst. Der Kojote lehrt nicht durch Vorbild, sondern durch Gegenbeispiel: Sein Scheitern zeigt, welche Grenzen man besser nicht überschreitet. Damit ist er vielleicht die klarste Verkörperung des Tricksters als pädagogische Figur.
Anansi, Loki, Kitsune und der Kojote sind die bekanntesten, aber längst nicht die einzigen Trickster der Weltmythologie. Am Rande des Bildes stehen weitere Gestalten, die das Muster bestätigen.
In der griechischen Mythologie trägt Hermes deutliche Trickstermerkmale. Schon als Neugeborener stiehlt er die Rinder seines Halbbruders Apollon und erfindet, um die Spuren zu verwischen, allerlei Listen. Als Gott der Reisenden, Händler, Diebe und Grenzen ist er ein Grenzgänger im wörtlichen Sinne, der einzige Olympier, der ungehindert zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich wandeln darf.
In der westafrikanischen Yoruba-Tradition und ihren Ablegern in der Neuen Welt ist Eshu (auch Elegba) der göttliche Trickster, der Hüter der Wegkreuzungen und Vermittler zwischen Menschen und Göttern. Ohne Eshu erreicht kein Opfer und kein Gebet sein Ziel, doch wer ihn vernachlässigt, den straft er mit Verwirrung und Zwietracht. Wie alle Trickster steht er an der Schwelle, dort, wo sich Wege und Welten kreuzen.
Im pazifischen Raum schließlich ist Maui der große Held und Schelm der polynesischen Mythologie. Er fischt mit einem Zauberhaken ganze Inseln aus dem Meer, fängt die Sonne ein, um die Tage zu verlängern, und stiehlt das Feuer von der Feuergöttin. Sein letzter, vermessener Versuch, die Unsterblichkeit für die Menschen zu erringen, endet mit seinem Tod, ein typisch tricksterhaftes Scheitern an der eigenen Kühnheit.
So unterschiedlich Spinne, Gott, Fuchs und Kojote auch sein mögen, sie erfüllen in ihren Kulturen verblüffend ähnliche Aufgaben. Diese gemeinsame Funktion erklärt, warum der Archetyp so universell ist.
Der Trickster überschreitet Tabus stellvertretend für die Gemeinschaft. In jeder geordneten Gesellschaft gibt es Regeln, die niemand brechen darf, und gerade deshalb gibt es das Bedürfnis, das Verbotene wenigstens in der Vorstellung durchzuspielen. Der Trickster tut, was den Menschen versagt ist: Er belügt die Götter, missachtet die Hierarchie, verspottet das Heilige. Indem er die Grenzen überschreitet, macht er sie zugleich sichtbar und bestätigt sie. Sein Regelbruch ist ein Ventil, das die Ordnung nicht zerstört, sondern erträglich macht.
Zugleich lehrt der Trickster durch sein Scheitern. Anders als der klassische Held, dem man nacheifern soll, ist der Trickster oft ein abschreckendes Beispiel. Seine Gier, seine Eitelkeit, seine Maßlosigkeit führen ihn ins Verderben, und das Publikum lernt aus seinem Sturz. Das Lachen über den blamierten Trickster ist nicht harmlos: Es markiert die Grenze zwischen klugem und törichtem Verhalten und gibt soziale Normen weiter, ohne mit erhobenem Zeigefinger zu belehren.
Und schließlich ist der Trickster fast immer ein Kulturbringer. Feuer, Geschichten, Wissen, Ackerbau, Werkzeuge, die grundlegenden Errungenschaften der Zivilisation werden in zahllosen Mythen nicht von ehrwürdigen Göttern verliehen, sondern von einem listigen Außenseiter erschlichen, gestohlen oder erschwindelt. Das ist tiefsinniger, als es zunächst scheint: Fortschritt entsteht, so die unausgesprochene Botschaft, nicht durch Gehorsam, sondern durch das Überschreiten von Grenzen. Wer Neues will, muss Regeln brechen.
Die Allgegenwart des Tricksters hat Generationen von Forschenden beschäftigt. Warum bringt eine Kultur nach der anderen, ohne voneinander zu wissen, eine so ähnliche Figur hervor?
Eine einflussreiche Antwort lieferte der Ethnologe Paul Radin, dessen Studie The Trickster (1956) die moderne Trickster-Forschung begründete. Radin untersuchte den Trickster-Zyklus der Winnebago und sah in der Figur eine Verkörperung einer frühen, undifferenzierten Bewusstseinsstufe, eines Wesens, das von Trieben gesteuert wird und erst im Laufe der Erzählungen lernt, sich in eine soziale Ordnung einzufügen. Der Trickster ist in dieser Lesart ein Spiegel der menschlichen Entwicklung selbst, vom chaotischen Anfang zur geformten Person.
Der Psychologe Carl Gustav Jung steuerte zu Radins Werk einen Kommentar bei und deutete den Trickster als Schattenarchetyp, als Verkörperung der verdrängten, unzivilisierten Anteile der Psyche. In dieser Sicht ist der Trickster ein notwendiges Gegengewicht: Eine Kultur, die nur aus Regeln, Pflichten und Heiligem besteht, erstickt an ihrer eigenen Ordnung. Der Trickster gibt dem Chaos, dem Triebhaften, dem Anarchischen einen legitimen Ort, eine Bühne, auf der es ausgelebt werden darf, ohne die reale Ordnung zu sprengen.
Diesen Gedanken hat der Schriftsteller Lewis Hyde in seinem Buch Trickster Makes This World (1998) weitergeführt. Hyde versteht den Trickster als Kraft der kulturellen Erneuerung. Gerade weil er an den Grenzen und Wegkreuzungen sitzt, kann er Bestehendes neu verknüpfen, Festgefügtes wieder in Bewegung bringen und Wandel ermöglichen. Der Trickster ist für Hyde die mythische Personifikation der Kreativität selbst, jener unbequemen Energie, die Ordnung aufbricht, damit Neues entstehen kann. Damit erklärt sich auch, warum der Trickster nie ganz böse und nie ganz gut sein darf: Eine Gesellschaft braucht eine Figur, die das Chaos verkörpert, ohne ihm vollständig zu erliegen. Wer tiefer in die Schattenseiten der Überlieferung eintauchen will, findet im Bereich Dark Folklore verwandte Themen.
Der Archetyp ist keineswegs in den alten Mythen geblieben. Er lebt in der Populärkultur weiter, oft ohne dass wir uns seiner Herkunft bewusst sind. Der freche Hase Bugs Bunny ist ein klassischer Trickster: ewig überlegen, regelbrechend, seine mächtigeren Gegner mit reiner List besiegend, ganz in der Tradition der schwachen, aber schlauen Tiergestalt, die schon Anansi verkörperte.
Auch der nordische Loki hat ein zweites Leben gefunden. In den Verfilmungen des Marvel-Universums ist er die vielleicht beliebteste ambivalente Figur, schillernd zwischen Schurke und Sympathieträger, nie ganz festzulegen, immer einen Schritt voraus. Dass das Publikum diese moralische Uneindeutigkeit nicht nur erträgt, sondern liebt, zeigt, wie tief der Trickster-Archetyp in unserer Wahrnehmung verankert ist.
Und Anansi selbst ist zurückgekehrt: In Neil Gaimans American Gods tritt er als „Mr. Nancy" auf, ein eleganter, scharfzüngiger alter Mann, der die Geschichten und die Wut der Entwurzelten in sich trägt. Damit schließt sich ein Kreis, der über Jahrhunderte und Kontinente reicht. Von der Spinne im westafrikanischen Wald über den Gestaltwandler des Nordens, den Fuchs Japans und den Kojoten Nordamerikas bis zur Leinwand und zum Roman der Gegenwart bleibt der Trickster, was er immer war: der Grenzgänger, der uns das Lachen, das Wissen und das Unbehagen über die eigene Ordnung schenkt. Weitere Wesen aus aller Welt versammelt das Bestiary.