Nordische Folklore

Der Kraken

Das inselgroße Seeungeheuer der nordischen Seefahrer: ein Tintenfisch-Titan, der Schiffe in die Tiefe zieht und am Ende einen sehr realen Bewohner der Tiefsee verbirgt.

Steckbrief

Region / Herkunft Nordisch / Skandinavien (Norwegen, Island)
Typ Seeungeheuer / Tintenfisch-Titan
Andere Namen Kraken, Kraxen, Hafgufa, Lyngbakr (altnordische Quellen)
Erste Erwähnung „Konungs skuggsjá" (Königsspiegel), 13. Jahrhundert
Dunkelheit ☾☾☾ Stufe 3 Düster
Bekannte Motive Inselgroßer Rücken, ziehender Strudel, Fischschwärme als Vorzeichen
Reale Grundlage Riesenkalmar (Architeuthis), Koloss-Kalmar

Der Kraken ist das größte Ungeheuer der nordischen Seefahrertradition: ein Wesen so gewaltig, dass Seeleute seinen Rücken für eine Insel hielten und an seinen Tentakeln untergingen. Hinter der Legende steht ein realer Bewohner der Tiefsee, dessen Existenz erst die moderne Meeresbiologie bestätigen konnte.

„Es wird gesagt, dass dieses Tier das größte aller Geschöpfe im Meer sei. Wenn es an der Oberfläche treibt, gleicht es eher einer Insel als einem Tier."
Sinngemäß nach dem „Konungs skuggsjá" (Königsspiegel), 13. Jahrhundert
Der Kraken, das inselgroße Seeungeheuer der nordischen See
Der Kraken, der Tintenfisch-Titan der nordischen Seefahrerlegenden.

Herkunft

Der Kraken stammt aus den Seefahrerlegenden des Nordmeers. In den kalten Gewässern vor Norwegen und Island, wo der Fischfang über Generationen die Lebensgrundlage bildete, entstanden Erzählungen von einem Ungeheuer, das so groß war, dass es ganze Schiffe verschlingen konnte. Diese Geschichten wurden von Fischern und Walfängern weitergegeben, lange bevor sie schriftlich festgehalten wurden.

Das altnordische Material kennt mehrere verwandte Wesen. Die Hafgufa (etwa „Meernebel") und der Lyngbakr (etwa „Heidekrautrücken") erscheinen in mittelalterlichen Quellen als gewaltige Meereswesen, deren Rücken Reisende für Land hielten. Aus diesem Vorstellungskreis ging die spätere Figur des Kraken hervor, deren Name sich im Norwegischen vermutlich aus einem Wort für etwas Verdrehtes oder Verknotetes ableitet: ein Hinweis auf die windenden Arme des Tieres.

Für die Menschen der Küste war ein solches Ungeheuer keine ferne Fantasie. Die Fahrten zu den Fanggründen führten weit hinaus auf ein Meer, dessen Tiefe niemand kannte und dessen Stürme regelmäßig Boote und Besatzungen verschlangen. Der Kraken bündelte diese realen Gefahren in einer einzigen Gestalt. Er gab dem Unerklärlichen einen Körper: dem Schiff, das spurlos verschwand, dem Strudel ohne sichtbare Ursache, dem plötzlichen Aufruhr in ruhiger See.

Erscheinung und Verhalten

Der Kraken wird als ein Wesen von unvorstellbarer Größe beschrieben, so groß wie eine schwimmende Insel. Tauchte er an die Oberfläche, ragte sein Rücken aus dem Wasser, und unvorsichtige Seeleute gingen in dem Glauben an Land, sie hätten eine kleine Insel erreicht. Sobald das Tier wieder abtauchte, riss der entstehende Strudel die Schiffe mit in die Tiefe.

In anderen Berichten greift der Kraken die Schiffe unmittelbar an. Mit seinen riesigen Armen umschlingt er die Masten, kentert das Fahrzeug und zieht Mannschaft und Rumpf hinab. Der Sog seines plötzlichen Abtauchens galt als ebenso tödlich wie der direkte Angriff.

Bemerkenswert ist ein wiederkehrendes Detail der Überlieferung: Über dem ruhenden Kraken sammelten sich dichte Fischschwärme. Fischer, die ungewöhnlich reiche Fänge an einer bestimmten Stelle machten, deuteten dies als Vorzeichen. Der Reichtum lockte, doch er bedeutete, dass das Ungeheuer in der Tiefe darunter lag und jederzeit auftauchen konnte.

Frühe schriftliche Quellen

Die früheste ausführliche Beschreibung eines kraken-artigen Wesens findet sich im „Konungs skuggsjá", dem norwegischen Königsspiegel aus dem 13. Jahrhundert. Dieser Lehrtext für den Königssohn schildert die Hafgufa als das größte Meeresungeheuer überhaupt, dessen Erscheinung selten und dessen Anblick eine Insel vortäuscht.

Berühmt wurde die Figur jedoch erst durch den dänisch-norwegischen Bischof Erik Pontoppidan. In seinem Werk „Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen" (1752) beschrieb er den Kraken als reales Tier und als das größte Lebewesen der Welt. Pontoppidan sammelte Berichte norwegischer Fischer und ordnete das Wesen ausdrücklich in die Naturgeschichte ein, nicht in die Fabel. Seine Schilderung von einem Geschöpf mit einem Rücken von anderthalb Meilen Umfang und armartigen Auswüchsen prägte das europäische Bild des Kraken nachhaltig.

Pontoppidans Bericht hatte weitreichende Folgen. Weil er als gelehrter Geistlicher schrieb und sich auf Augenzeugen berief, wurde der Kraken im 18. Jahrhundert in naturkundlichen Schriften als mögliche reale Art geführt. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné nahm ein verwandtes Wesen in einer frühen Ausgabe seines Systems der Natur auf, strich es jedoch in späteren Auflagen wieder. So bewegte sich der Kraken über Jahrzehnte im Grenzbereich zwischen Seemannsgarn und ernsthafter Zoologie, bevor die Wissenschaft eine klarere Antwort fand.

Wusstest du?

Obwohl der Riesenkalmar seit dem 19. Jahrhundert anhand gestrandeter Kadaver bekannt war, gelang erst im Jahr 2004 die erste fotografische Aufnahme eines lebenden Tieres in seinem natürlichen Lebensraum. Ein japanisches Forschungsteam dokumentierte das Tier in der Tiefe vor den Ogasawara-Inseln.

Die naturwissenschaftliche Auflösung

Lange galt der Kraken als reine Erfindung. Mit der wachsenden Kenntnis der Tiefsee zeichnete sich jedoch ab, dass den Legenden ein reales Tier zugrunde liegt: der Riesenkalmar der Gattung Architeuthis. Diese Kopffüßer erreichen mit ihren Fangtentakeln Längen von über zehn Metern und besitzen die größten Augen des Tierreichs. Noch massiger ist der Koloss-Kalmar (Mesonychoteuthis hamiltoni) der antarktischen Gewässer.

Gestrandete Kadaver lieferten erste handfeste Belege. Im 19. Jahrhundert dokumentierten Naturforscher mehrfach angeschwemmte Riesenkalmare, und Berichte von Pottwalen mit ringförmigen Narben großer Saugnäpfe bestätigten, dass diese Tiere in der Tiefe um ihre Beute kämpfen. Damit ließ sich vieles erklären: die windenden Arme, die plötzliche Bewegung, die Begegnungen weit draußen auf See. Was Seeleuten als inselgroßes Ungeheuer erschien, war die übertriebene Erinnerung an ein reales, scheues Tiefseetier.

Auch die Literatur griff die Figur auf. Der englische Dichter Alfred Tennyson widmete dem Kraken 1830 das Gedicht „The Kraken", in dem das Ungeheuer in uraltem Schlaf auf dem Meeresgrund liegt, bis es am Ende der Zeiten ein einziges Mal an die Oberfläche steigt und stirbt. Tennysons Bild verband die alte Seemannslegende mit der Faszination für das Unerforschte der Tiefsee.

Verwandte Seeungeheuer anderer Kulturen

Das Motiv des gewaltigen Meeresungeheuers ist nicht auf den Norden beschränkt:

  • Leviathan (Hebräisch): Das gigantische Meeresungeheuer der biblischen Tradition, Sinnbild für die ungezähmten Kräfte des Ozeans.
  • Skylla (Griechisch): Das vielarmige Meeresungeheuer der „Odyssee", das von einer Felsenge aus Seeleute aus ihren Schiffen riss.
  • Akkorokamui (Japanisch / Ainu): Ein riesiger, tintenfischartiger Meeresgeist aus der Folklore der Ainu, der in der Bucht von Uchiura gehaust haben soll.

In der Popkultur

Der Kraken zählt zu den bekanntesten Seeungeheuern der modernen Unterhaltung:

  • 20.000 Meilen unter dem Meer: Jules Vernes Roman von 1870 inszeniert den Angriff riesiger Tintenfische auf das U-Boot Nautilus und festigte das Bild des kraken-artigen Tiefseemonsters.
  • Pirates of the Caribbean: In der Filmreihe ist der Kraken die furchterregende Waffe von Davy Jones, die ganze Schiffe samt Mannschaft in die Tiefe zieht.
  • Clash of the Titans: Der Befehl „Release the Kraken!" wurde zu einem geflügelten Wort der Popkultur, obwohl das Wesen in der ursprünglich griechischen Vorlage gar nicht vorkommt.

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Quellen und Weiterführendes

  • Pontoppidan, Erik: Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen (1752)
  • Konungs skuggsjá (Königsspiegel), Norwegen, 13. Jahrhundert
  • Ellis, Richard: The Search for the Giant Squid (1998)
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