Rumänische Folklore

Strigoi

Der untote Wiedergänger der rumänischen Dörfer: ein Toter, der das Grab verlässt, seinen Angehörigen die Lebenskraft entzieht und in der europäischen Tradition zum Urahn des modernen Vampirs wurde.

Steckbrief

Region / Herkunft Rumänien, Balkan (Siebenbürgen, Walachei, Moldau)
Typ Untoter / Wiedergänger / Blutsauger
Andere Namen Strigoi viu (lebend), Strigoi mort (tot), Moroi, Strigă
Etymologie Von lateinisch „striga" / „strix" (Nachteule, Hexenwesen)
Dunkelheit ☾☾☾☾☾ Stufe 5 Bodenlos
Bekannte Motive Rückkehr aus dem Grab, Blutentzug, Exhumierung, Pfählung
Verwandte Figur Moderner Vampir (Bram Stokers Dracula)

Der Strigoi gehört zu den dunkelsten Gestalten der rumänischen Folklore. Er ist ein Toter, der die Grenze zwischen Grab und Dorf nicht akzeptiert: Er kehrt zurück, sucht seine Familie heim und zehrt von der Lebenskraft der Hinterbliebenen. In ihm verbinden sich Trauer, Krankheit und die uralte Angst, dass die Verstorbenen nicht vollständig fortgehen.

„Die Toten kommen wieder, wenn man sie nicht richtig gehen lässt."
Sinngemäße rumänische Volksweisheit zum Strigoi-Glauben
Strigoi, der untote Wiedergänger der rumänischen Folklore
Der Strigoi, der untote Heimkehrer der rumänischen Dörfer.

Herkunft und Etymologie

Der Name Strigoi geht auf das lateinische Wort „striga" zurück, eine weibliche Form von „strix". In der römischen Antike bezeichnete die strix eine nächtliche Vogelgestalt, die nach altem Glauben das Blut von Säuglingen trank und sich von Menschenfleisch nährte. Schon der römische Dichter Ovid beschreibt diese Wesen in seinen „Fasti" als gefährliche Nachtvögel.

Über die romanisierten Bevölkerungen des Balkans wanderte dieser Begriff in die rumänische Sprache und verband sich dort mit slawischen und lokalen Vorstellungen über die unruhigen Toten. Aus dem antiken Hexenvogel wurde so ein menschlicher Untoter, der nachts aus dem Grab steigt. Die sprachliche Verwandtschaft zeigt sich bis heute: Die italienische „strega" (Hexe) entstammt derselben Wurzel.

Lebende und tote Strigoi

Die rumänische Tradition unterscheidet zwei grundlegende Formen, was den Strigoi-Glauben von vielen anderen Vampirvorstellungen abhebt.

  • Strigoi viu (lebender Strigoi): ein lebender Mensch, der bereits als Hexer oder mit übernatürlicher Veranlagung geboren wurde. Sein Geist kann den Körper im Schlaf verlassen, anderen schaden und Vieh oder Felder verfluchen. Nach dem Tod wird aus ihm beinahe zwangsläufig ein Strigoi mort.
  • Strigoi mort (toter Strigoi): der eigentliche Untote, der nach der Beerdigung aus dem Grab zurückkehrt. Er sucht zuerst die nächsten Angehörigen heim, zehrt an ihrer Gesundheit und kann ganze Familien dahinsiechen lassen.

Eng verwandt ist der Moroi, ein Begriff, der je nach Region teils synonym, teils für eine eigene Spielart des Wiedergängers verwendet wird. Diese begriffliche Vielfalt spiegelt wider, dass es nie eine einheitliche Lehre gab, sondern ein lebendiges, von Dorf zu Dorf variierendes Glaubenssystem.

Wie man zum Strigoi wird

Der Volksglaube kannte zahlreiche Wege, auf denen ein Mensch nach dem Tod zum Strigoi werden konnte. Viele davon knüpfen an ein als unnatürlich oder unvollständig empfundenes Leben oder Sterben an:

  • als siebtes Kind gleichen Geschlechts in einer Familie geboren zu sein
  • ungetauft oder außerhalb der kirchlichen Ordnung zu sterben
  • Selbstmord oder ein gewaltsamer, plötzlicher Tod
  • ein Leben als Hexer, Fluchender oder Meineidiger
  • mit offenen Augen zu sterben oder ohne die vorgeschriebenen Totenriten begraben zu werden
  • wenn eine Katze oder ein anderes Tier über den aufgebahrten Leichnam sprang

Hinter diesen Vorstellungen stand die Sorge, dass eine gestörte Ordnung des Sterbens den Toten an die Welt der Lebenden bindet. Wer nicht ordnungsgemäß verabschiedet wurde, fand keine Ruhe und kehrte zurück.

Wusstest du?

Viele Merkmale, die ein Grab angeblich als das eines Strigoi entlarvten, lassen sich mit natürlichen Verwesungsprozessen erklären. Aufgeblähte Körper, austretende Flüssigkeit am Mund und scheinbar nachgewachsene Nägel oder Haare wirkten auf Dorfgemeinschaften wie Beweise für untotes Leben. Der Forscher Paul Barber zeigte, dass dieser „Vampirbefund" in Wahrheit eine ganz gewöhnliche Beschreibung der Leichenzersetzung ist.

Schutz- und Abwehrbräuche

Gegen den Strigoi entwickelte sich ein dichtes Geflecht aus vorbeugenden Riten und drastischen Gegenmaßnahmen. Schon bei der Beerdigung versuchte man, eine Rückkehr zu verhindern: Man legte dem Toten Knoblauch in den Mund, drehte den Leichnam mit dem Gesicht nach unten oder streute Mohn- oder Hirsekörner ins Grab, da der Untote angeblich gezwungen war, sie einzeln zu zählen.

Blieb der Verdacht bestehen, dass ein Verstorbener als Strigoi zurückkehrte, folgte die Exhumierung. Die Dorfgemeinschaft öffnete das Grab, untersuchte den Leichnam auf verdächtige Zeichen und schritt zu rituellen Maßnahmen. Dazu zählten die Pfählung des Herzens, das Herausschneiden und Verbrennen des Herzens sowie das Verstreuen oder Auflösen der Asche in Wasser, das die betroffenen Angehörigen anschließend tranken, um Heilung zu erlangen. Knoblauch galt dabei durchgängig als kräftigstes Abwehrmittel.

Vorläufer des modernen Vampirs

Der Strigoi steht am Anfang einer Linie, die direkt zum literarischen Vampir führt. Als Bram Stoker 1897 seinen Roman „Dracula" schrieb, verlegte er die Handlung bewusst nach Siebenbürgen, in jene rumänische Region, in der Wiedergängerglaube und Exhumierungsbräuche bis ins 19. Jahrhundert lebendig waren. Der historische Namensgeber, der walachische Fürst Vlad III. Drăculea, stammte aus eben dieser Gegend.

Stoker selbst hat den Strigoi nicht namentlich erwähnt, doch er verarbeitete Reiseberichte und volkskundliche Schilderungen aus den Karpaten, in denen genau dieser Glaube beschrieben wird. Der elegante, blutsaugende Aristokrat der Literatur ist damit eine stark veredelte Fassung des bäuerlichen, verwesenden Strigoi. Wie sich Blutsauger weltweit unterscheiden und worin sie sich ähneln, beleuchten wir ausführlich im Magazin-Beitrag Vampire weltweit.

Reale Exhumierungsfälle

Der Strigoi-Glaube war nicht nur erzählte Vergangenheit. Noch im 21. Jahrhundert kam es in abgelegenen rumänischen Dörfern zu dokumentierten Exhumierungen. Der bekannteste Fall ereignete sich Anfang 2004 im Dorf Marotinu de Sus im Süden Rumäniens. Nach dem Tod des Mannes namens Petre Toma erkrankten mehrere Angehörige. Verwandte überzeugten sich davon, dass der Verstorbene als Strigoi zurückgekehrt sei.

Sie öffneten in der Nacht das Grab, schnitten das Herz heraus, verbrannten es und vermischten die Asche mit Wasser, das die Kranken tranken. Der Fall führte zu einem Strafverfahren wegen Grabschändung und erregte internationale Aufmerksamkeit, weil er zeigte, wie lange ein jahrhundertealter Volksglaube fortwirken konnte. Solche Ereignisse machen den Strigoi zu einer der wenigen Folklorefiguren mit bezeugten Spuren in der jüngeren Gegenwart.

Verwandte Blutsauger anderer Kulturen

Die Vorstellung vom zurückkehrenden, lebenszehrenden Toten ist über Europa hinaus weit verbreitet:

  • Upir / Vampir (slawisch): die südslawische und osteuropäische Grundfigur des Blutsaugers, eng mit dem Strigoi verwandt.
  • Draugr (nordisch): der schwere, totenkalte Grabwächter der altnordischen Sagen, der seinen Grabhügel verteidigt.
  • Vrykolakas (griechisch): der unruhige Untote der griechischen Folklore, dessen Glaube viele Parallelen zum Strigoi zeigt.
  • Jiangshi (chinesisch): der hüpfende Untote, der die Lebensenergie Qi seiner Opfer raubt.
  • Mananangal (philippinisch): ein blutsaugendes Wesen, das sich nachts in zwei Hälften teilt und Schlafende heimsucht.

Weitere Figuren an der Schwelle zwischen Leben und Tod versammeln wir in unserer Sammlung Dark Folklore.

In der Popkultur

Der Strigoi hat in der modernen Unterhaltung an Bekanntheit gewonnen, oft als düstere Gegenfigur zum romantisierten Vampir:

  • The Strain: Guillermo del Toro und Chuck Hogan greifen in Roman und Serie den Begriff für ihre parasitären, krankheitsartigen Vampire auf.
  • Vampire Academy: Richelle Meads Romanreihe und ihre Verfilmungen unterscheiden zwischen Moroi und Strigoi als zwei Vampirtypen.
  • The Witcher: Das Universum von Andrzej Sapkowski schöpft für seine slawisch geprägten Monster aus demselben osteuropäischen Sagenkreis.
  • Rollenspiele und Videospiele: In zahlreichen Fantasy-Welten erscheint der Strigoi als eigene, besonders gefürchtete Untotenart.

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Quellen und Weiterführendes

  • Murgoci, Agnes: The Vampire in Roumania (1926)
  • Barber, Paul: Vampires, Burial, and Death: Folklore and Reality (1988)
  • Ovid: Fasti (zur antiken strix)
  • Stoker, Bram: Dracula (1897)
  • Perkowski, Jan L.: Vampires of the Slavs (1976)
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Verwandte Wesen