Rumänische Folklore
Der untote Wiedergänger der rumänischen Dörfer: ein Toter, der das Grab verlässt, seinen Angehörigen die Lebenskraft entzieht und in der europäischen Tradition zum Urahn des modernen Vampirs wurde.
Steckbrief
Der Strigoi gehört zu den dunkelsten Gestalten der rumänischen Folklore. Er ist ein Toter, der die Grenze zwischen Grab und Dorf nicht akzeptiert: Er kehrt zurück, sucht seine Familie heim und zehrt von der Lebenskraft der Hinterbliebenen. In ihm verbinden sich Trauer, Krankheit und die uralte Angst, dass die Verstorbenen nicht vollständig fortgehen.
„Die Toten kommen wieder, wenn man sie nicht richtig gehen lässt."
Sinngemäße rumänische Volksweisheit zum Strigoi-Glauben
Der Name Strigoi geht auf das lateinische Wort „striga" zurück, eine weibliche Form von „strix". In der römischen Antike bezeichnete die strix eine nächtliche Vogelgestalt, die nach altem Glauben das Blut von Säuglingen trank und sich von Menschenfleisch nährte. Schon der römische Dichter Ovid beschreibt diese Wesen in seinen „Fasti" als gefährliche Nachtvögel.
Über die romanisierten Bevölkerungen des Balkans wanderte dieser Begriff in die rumänische Sprache und verband sich dort mit slawischen und lokalen Vorstellungen über die unruhigen Toten. Aus dem antiken Hexenvogel wurde so ein menschlicher Untoter, der nachts aus dem Grab steigt. Die sprachliche Verwandtschaft zeigt sich bis heute: Die italienische „strega" (Hexe) entstammt derselben Wurzel.
Die rumänische Tradition unterscheidet zwei grundlegende Formen, was den Strigoi-Glauben von vielen anderen Vampirvorstellungen abhebt.
Eng verwandt ist der Moroi, ein Begriff, der je nach Region teils synonym, teils für eine eigene Spielart des Wiedergängers verwendet wird. Diese begriffliche Vielfalt spiegelt wider, dass es nie eine einheitliche Lehre gab, sondern ein lebendiges, von Dorf zu Dorf variierendes Glaubenssystem.
Der Volksglaube kannte zahlreiche Wege, auf denen ein Mensch nach dem Tod zum Strigoi werden konnte. Viele davon knüpfen an ein als unnatürlich oder unvollständig empfundenes Leben oder Sterben an:
Hinter diesen Vorstellungen stand die Sorge, dass eine gestörte Ordnung des Sterbens den Toten an die Welt der Lebenden bindet. Wer nicht ordnungsgemäß verabschiedet wurde, fand keine Ruhe und kehrte zurück.
Wusstest du?
Viele Merkmale, die ein Grab angeblich als das eines Strigoi entlarvten, lassen sich mit natürlichen Verwesungsprozessen erklären. Aufgeblähte Körper, austretende Flüssigkeit am Mund und scheinbar nachgewachsene Nägel oder Haare wirkten auf Dorfgemeinschaften wie Beweise für untotes Leben. Der Forscher Paul Barber zeigte, dass dieser „Vampirbefund" in Wahrheit eine ganz gewöhnliche Beschreibung der Leichenzersetzung ist.
Gegen den Strigoi entwickelte sich ein dichtes Geflecht aus vorbeugenden Riten und drastischen Gegenmaßnahmen. Schon bei der Beerdigung versuchte man, eine Rückkehr zu verhindern: Man legte dem Toten Knoblauch in den Mund, drehte den Leichnam mit dem Gesicht nach unten oder streute Mohn- oder Hirsekörner ins Grab, da der Untote angeblich gezwungen war, sie einzeln zu zählen.
Blieb der Verdacht bestehen, dass ein Verstorbener als Strigoi zurückkehrte, folgte die Exhumierung. Die Dorfgemeinschaft öffnete das Grab, untersuchte den Leichnam auf verdächtige Zeichen und schritt zu rituellen Maßnahmen. Dazu zählten die Pfählung des Herzens, das Herausschneiden und Verbrennen des Herzens sowie das Verstreuen oder Auflösen der Asche in Wasser, das die betroffenen Angehörigen anschließend tranken, um Heilung zu erlangen. Knoblauch galt dabei durchgängig als kräftigstes Abwehrmittel.
Der Strigoi steht am Anfang einer Linie, die direkt zum literarischen Vampir führt. Als Bram Stoker 1897 seinen Roman „Dracula" schrieb, verlegte er die Handlung bewusst nach Siebenbürgen, in jene rumänische Region, in der Wiedergängerglaube und Exhumierungsbräuche bis ins 19. Jahrhundert lebendig waren. Der historische Namensgeber, der walachische Fürst Vlad III. Drăculea, stammte aus eben dieser Gegend.
Stoker selbst hat den Strigoi nicht namentlich erwähnt, doch er verarbeitete Reiseberichte und volkskundliche Schilderungen aus den Karpaten, in denen genau dieser Glaube beschrieben wird. Der elegante, blutsaugende Aristokrat der Literatur ist damit eine stark veredelte Fassung des bäuerlichen, verwesenden Strigoi. Wie sich Blutsauger weltweit unterscheiden und worin sie sich ähneln, beleuchten wir ausführlich im Magazin-Beitrag Vampire weltweit.
Der Strigoi-Glaube war nicht nur erzählte Vergangenheit. Noch im 21. Jahrhundert kam es in abgelegenen rumänischen Dörfern zu dokumentierten Exhumierungen. Der bekannteste Fall ereignete sich Anfang 2004 im Dorf Marotinu de Sus im Süden Rumäniens. Nach dem Tod des Mannes namens Petre Toma erkrankten mehrere Angehörige. Verwandte überzeugten sich davon, dass der Verstorbene als Strigoi zurückgekehrt sei.
Sie öffneten in der Nacht das Grab, schnitten das Herz heraus, verbrannten es und vermischten die Asche mit Wasser, das die Kranken tranken. Der Fall führte zu einem Strafverfahren wegen Grabschändung und erregte internationale Aufmerksamkeit, weil er zeigte, wie lange ein jahrhundertealter Volksglaube fortwirken konnte. Solche Ereignisse machen den Strigoi zu einer der wenigen Folklorefiguren mit bezeugten Spuren in der jüngeren Gegenwart.
Die Vorstellung vom zurückkehrenden, lebenszehrenden Toten ist über Europa hinaus weit verbreitet:
Weitere Figuren an der Schwelle zwischen Leben und Tod versammeln wir in unserer Sammlung Dark Folklore.
Der Strigoi hat in der modernen Unterhaltung an Bekanntheit gewonnen, oft als düstere Gegenfigur zum romantisierten Vampir:
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