Vergleichende Mythologie

Wiedergänger: Die Untoten vor dem Zombie

Der nordische Draugr, eine lebende Leiche, die ihren Grabhügel bewacht

Lange bevor Hollywood die schlurfende Menschenmasse erfand, fürchteten sich die Menschen vor einem ganz anderen Untoten: dem Toten, der nicht im Grab bleiben wollte. Kein anonymer Infizierter, sondern der Nachbar, der Verwandte, der vor Wochen Beerdigte, der nachts an die Tür klopfte. In den Sagas des Nordens, in den Chroniken des englischen Mittelalters, in den Dörfern Osteuropas und in den Bergen Chinas kehren die Toten in eigener Gestalt zurück, körperlich, schwer und gefährlich. Dieser Artikel folgt dem Wiedergänger durch die Jahrhunderte und Kulturen, vom nordischen Draugr über die Revenants englischer Mönche bis zum hüpfenden Jiangshi. Und er fragt, was die seltsamen Grabfunde der Archäologie über eine Angst verraten, die so alt ist wie das Begraben selbst.

Was ist ein Wiedergänger, und was unterscheidet ihn vom Zombie?

Ein Wiedergänger ist ein Toter, der körperlich in die Welt der Lebenden zurückkehrt, meist mit eigenem Willen, eigenem Namen und einer Rechnung, die noch offen ist. Genau hier liegt der Unterschied zum modernen Zombie. Der populäre Zombie des Kinos geht auf zwei jüngere Wurzeln zurück: den haitianischen Zonbi, einen durch Magie willenlos gemachten Körper, und George Romeros Filme ab 1968, die daraus den hirnlosen, ansteckenden Schwarm machten.

Der ältere europäische und asiatische Wiedergänger ist etwas anderes. Er ist kein willenloses Werkzeug und kein Teil einer Epidemie ohne Gesicht. Er ist eine Person, oft eine namentlich bekannte, die nach dem Tod zurückkommt, weil etwas nicht stimmt: ein Streit, ein gebrochenes Versprechen, ein Schatz, ein versäumter Ritus. Claude Lecouteux betont in The Return of the Dead, dass diese Toten in der älteren Überlieferung nicht als entkörperte Geister gedacht wurden, sondern als handfeste, leibhaftige Heimkehrer, die essen, kämpfen und bluten konnten.

Diese Körperlichkeit ist der Schlüssel. Wo der heutige Geist durch Wände schwebt, bricht der Wiedergänger die Tür ein. Er hat Gewicht, Geruch und Kraft. Genau deshalb sind die Gegenmaßnahmen, von denen die Quellen berichten, ebenso handfest: Man köpft ihn, pfählt ihn, verbrennt ihn oder beschwert seinen Leib mit Steinen. Den Rest dieses Textes bestimmt diese eine Frage, die hinter all den Geschichten steht: Warum bleiben manche Tote nicht tot?

Der Draugr: Wie kämpft man gegen eine lebende Leiche im Grabhügel?

Der nordische Draugr ist die vielleicht eindrucksvollste lebende Leiche der europäischen Folklore. In den isländischen Sagas haust er als Haugbúi, als „Hügelbewohner", in seinem eigenen Grabhügel und bewacht dort die Schätze, mit denen er bestattet wurde. Er ist kein blasser Schemen, sondern ein schwerer, dunkel verfärbter Leib von übermenschlicher Kraft, der seine Behausung mit tödlicher Eifersucht verteidigt.

Die Grettis saga liefert die berühmteste Schilderung. Der Held Grettir steigt in den Hügel des Untoten Kárr hinab, um dessen Hort zu bergen, und gerät in einen entsetzlichen Ringkampf mit dem Wiedergänger im Dunkeln. Erst als er den Draugr niederringt und ihm den Kopf abschlägt, ist das Wesen wirklich besiegt. Später kämpft Grettir gegen den Hirten Glámr, der nach seinem Tod als Draugr das Tal heimsucht, das Vieh tötet und die Höfe verwüstet, bis ihn der Held enthauptet und verbrennt.

Der Strigoi, ein slawisch-rumänischer Wiedergänger und Vorläufer des Vampirs
Der Strigoi der rumänischen Überlieferung steht zwischen Wiedergänger und Vampir, ein Toter, der nicht ruhen will.

Bemerkenswert ist die Logik der Bekämpfung. Enthaupten und Verbrennen kehren in den Sagas immer wieder, und oft wird dem Draugr der abgeschlagene Kopf zwischen die Beine oder ans Gesäß gelegt, ehe man den Leib verbrennt und die Asche zerstreut. Das ist kein bloßes Erzählmotiv. Die Eyrbyggja saga berichtet sogar von einem regelrechten „Gerichtsverfahren", bei dem die Toten eines heimgesuchten Hofes förmlich verklagt und so vertrieben werden. Mehr zu seiner Gestalt und seinen Kräften findest du im Eintrag zum Draugr im Bestiary.

Was berichten mittelalterliche Mönche über die englischen Revenants?

Im England des 12. Jahrhunderts sind Wiedergänger keine fernen Sagengestalten, sondern Gegenstand nüchterner Chronik. Gleich zwei gelehrte Geistliche, William of Newburgh und Walter Map, berichten in ihren lateinischen Werken von Toten, die aus ihren Gräbern steigen, durch Dörfer wandern und Lebende heimsuchen. Sie tun das mit dem Ton von Augenzeugen, nicht von Märchenerzählern.

William of Newburgh schreibt in seiner Historia rerum Anglicarum, solche Fälle seien so häufig, dass er sie kaum alle aufzeichnen könne. Er erzählt vom „Buckländer" Wiedergänger und vom Toten von Berwick, vor allem aber vom Mann von Anantis, der nachts sein Grab verlässt, eine Pestwelle über das Dorf bringt und erst zur Ruhe kommt, als zwei junge Männer den noch blutgefüllten Leib ausgraben, ihm das Herz herausreißen und ihn verbrennen. Nancy Caciola arbeitet in Afterlives heraus, wie ernst diese Berichte gemeint waren.

Walter Map schildert in De nugis curialium ähnliche Fälle, etwa einen walisischen Toten, der nachts die Namen von Dorfbewohnern ruft, die daraufhin erkranken und sterben, bis man dem Spuk durch das Aufspalten des Grabes ein Ende setzt. Diese Texte sind kein Aberglaube vom Rand der Gesellschaft. Sie stammen von gebildeten Klerikern und zeigen, dass die Furcht vor dem heimkehrenden Leichnam mitten im christlichen Mittelalter zu Hause war.

Wusstest du?

In Williams Bericht vom Mann von Anantis finden die Gräber, die der Wiedergänger heimsuchte, den Leichnam beim Ausgraben nicht verwest, sondern „aufgedunsen und blutrot". Genau diese Beschreibung normaler Verwesungsvorgänge galt den Zeitgenossen als Beweis, dass der Tote nachts auf Beutezug war und sich mit dem Blut der Lebenden vollgesogen hatte.

Der slawische Wiedergänger: Wer wird zum Untoten, und warum?

In der slawischen Welt verdichtet sich die Angst vor dem Toten zu einem ganzen System von Regeln. Hier entscheidet vor allem die Art des Todes über das Schicksal des Leichnams. Wer einen „unreinen Tod" stirbt, durch Selbstmord, Mord, Ertrinken, im Wochenbett oder ohne die nötigen Riten, gilt als gefährdet, nicht zur Ruhe zu kommen und als Untoter zurückzukehren.

Paul Barber zeigt in Vampires, Burial, and Death, wie eng dieses Bild mit der Beobachtung echter Leichen verbunden ist. Auch unbescholtene Tote konnten zu Wiedergängern werden, etwa wenn eine Katze über den aufgebahrten Leichnam sprang, wenn der Verstorbene exkommuniziert war oder wenn die Bestattungsriten Fehler enthielten. Die slawische Überlieferung kennt eine ganze Reihe solcher Heimkehrer, vom Nachzehrer, der die Lebenden aus dem Grab heraus „nachzieht", bis zum rumänischen Strigoi, der zwischen Wiedergänger und Vampir steht.

Entsprechend handfest waren die Gegenmaßnahmen am Grab. Man legte dem Verdächtigen einen Stein oder ein Stück Eisen in den Mund, beschwerte den Leib, drehte ihn auf den Bauch, durchstach das Herz mit einem Pfahl oder enthauptete die Leiche und legte den Kopf zu den Füßen. Diese Eingriffe folgen einer klaren Logik: Sie sollten dem Toten den Weg zurück versperren, ihn am Beißen, Saugen oder Aufstehen hindern. Der Nachzehrer kaut der Vorstellung nach an seinem Leichentuch, also gibt man ihm etwas anderes zwischen die Zähne. Die Magie ist hier ganz praktische Mechanik.

Der Jiangshi: Warum hüpft der chinesische Untote?

Am anderen Ende Eurasiens kennt China seinen eigenen Wiedergänger, den Jiangshi, wörtlich die „steife Leiche". Er ist eine der bekanntesten Gestalten der ostasiatischen Geisterwelt: ein Toter in der Amtstracht der Qing-Zeit, dessen Gliedmaßen so erstarrt sind, dass er sich nicht gehend, sondern in steifen Sprüngen mit ausgestreckten Armen fortbewegt, das berühmte „Hüpfen".

Hinter dem Jiangshi steht die daoistische Vorstellung von der Lebensenergie Qi und von zwei Seelenanteilen, dem geistigen hun und dem körperlichen po. Verlässt nach dem Tod nur die geistige Seele den Körper, während die niedere, körperliche Seele im Leichnam verharrt, kann der Tote zu einem seelenlosen, aber beweglichen Wesen werden, das den Lebenden ihr Qi raubt. Der Jiangshi ist damit eher eine reanimierte Hülle als eine zurückkehrende Person, ein Untoter, der nach Lebenskraft hungert.

Der Jiangshi, der hüpfende chinesische Untote in Amtstracht der Qing-Zeit
Der Jiangshi bewegt sich in steifen Sprüngen, die Arme nach vorn gestreckt, auf der Suche nach dem Qi der Lebenden.

Auffällig ist eine sehr profane Wurzel der Legende. Eine verbreitete Erklärung bringt den Jiangshi mit dem alten Brauch des „Leichentransports" in Verbindung, bei dem Daoisten die Toten über weite Strecken in die Heimat zurückbringen sollten, damit sie nicht in der Fremde begraben wurden. Ob historisch belegt oder nicht, der Jiangshi zeigt dieselbe Grundangst wie der Draugr und der Strigoi: dass der Leib nach dem Tod nicht still hält und der Tote dem Ort der Lebenden noch immer zu nahe ist.

Die Archäologie der Angst: Was verraten „Wiedergänger-Bestattungen"?

Die Furcht vor dem heimkehrenden Toten ist nicht nur literarisch belegt, sondern liegt buchstäblich in der Erde. Archäologen kennen sogenannte „deviant burials", abweichende Bestattungen, bei denen ein Leichnam auffällig anders behandelt wurde als üblich: enthauptet, in Bauchlage gedreht, mit Steinen beschwert, gepfählt oder mit einem Gegenstand im Mund.

Besonders bekannt wurde ein Gräberfeld bei Drawsko in Polen, wo Forschende mehrere Bestattungen des 17. und 18. Jahrhunderts fanden, bei denen den Toten eine Sichel über den Hals oder den Bauch gelegt war, offenbar um sie beim Aufstehen zu köpfen oder aufzuschneiden, sowie Steine unter dem Kinn, die den Mund geschlossen halten sollten. In Venedig wiederum entdeckte man die Überreste einer Frau aus der Pestzeit des 16. Jahrhunderts mit einem schweren Ziegelstein zwischen den Kiefern, in der Presse rasch zur „Vampirin von Venedig" erklärt.

Solche Funde decken sich verblüffend genau mit den schriftlichen Quellen. Der Ziegel im Mund entspricht der Vorstellung vom Nachzehrer, der an seinem Leichentuch kaut; die Sichel und der Stein auf dem Leib sind die archäologische Spur jener Beschwerung, die Barber aus der Folklore beschreibt. Wer sich länger mit diesen Befunden beschäftigt, merkt schnell, dass „Vampir-Grab" als Schlagzeile fast immer zu eng greift. Die Menschen fürchteten nicht den eleganten Blutsauger der Literatur, sondern den ganz gewöhnlichen Toten, der zurückkommen könnte.

Warum kehren die Toten überhaupt zurück?

Quer durch alle diese Kulturen lassen sich die Gründe für die Rückkehr der Toten auf wenige Muster zurückführen. Erstens der unvollständige oder falsche Ritus: Wer ohne die nötigen Zeremonien, am falschen Ort oder im Zustand des „unreinen Todes" begraben wird, hat die Schwelle zwischen den Welten nicht sauber überschritten und bleibt gefährlich nah.

Zweitens das unerledigte Geschäft. Der Draugr bewacht seinen Hort, der englische Revenant rächt einen Verrat oder sucht den treulosen Ehepartner heim, der Wiedergänger der Sagas kehrt aus Zorn, Geiz oder Liebe zurück. Lecouteux deutet diese Heimkehrer als Ausdruck einer Welt, in der die Toten Teil der Gemeinschaft blieben und ihre Ansprüche an die Lebenden nicht mit dem letzten Atemzug erloschen.

Drittens, und vielleicht am wichtigsten, die Seuche. Auffällig viele Wiedergänger-Berichte fallen mit Epidemien zusammen. Stirbt ein Mensch und folgen ihm bald Nachbarn und Verwandte in den Tod, lag der Verdacht nahe, der Erste hole die Übrigen zu sich. Barber zeigt, wie die ganz normalen Vorgänge der Verwesung, der aufgedunsene Leib, das „frische" Aussehen, das Blut an Mund und Nase, den Zeitgenossen als handfester Beweis galten, dass dieser Tote noch tätig war und gestoppt werden musste.

Vom Wiedergänger zum Vampir und zum modernen Zombie

Aus dem handfesten Wiedergänger der Folklore sind unsere beiden großen Untoten-Mythen hervorgegangen. Der osteuropäische Wiedergänger des 18. Jahrhunderts, dokumentiert in den berühmten Vampir-„Untersuchungen" der Habsburger Behörden, lieferte den Rohstoff für den literarischen Vampir von Polidori bis Stoker. Dabei verlor er seine Bäuerlichkeit und gewann Eleganz, Aristokratie und erotische Verführungskraft, weit entfernt vom aufgedunsenen Dorftoten der Quellen. Diese Verwandlung verfolgen wir im Detail im Beitrag Vampire weltweit.

Der moderne Zombie nahm den anderen Weg. Er behielt die Körperlichkeit und den Verfall des Wiedergängers, verlor aber dessen Individualität und Motiv. Aus dem benannten Toten mit offener Rechnung wurde die gesichtslose, ansteckende Masse, gespeist aus dem haitianischen Zonbi und dem Kino des 20. Jahrhunderts. Beide Figuren, der verführerische Vampir und der hirnlose Zombie, sind späte, spezialisierte Kinder derselben uralten Furcht: dass der Tote nicht im Grab bleibt.

Schluss: Der Tote vor der Tür

Von den Grabhügeln Islands über die Dörfer des englischen Mittelalters und die Friedhöfe Osteuropas bis in die Berge Chinas zieht sich dieselbe Vorstellung: dass der Tod kein sauberer Schnitt ist und der Verstorbene zurückkommen kann, körperlich, schwer und gefährlich. Lange vor dem Kino-Zombie war der Untote kein Fremder, sondern der eigene Nachbar, der eigene Verwandte. Die Sichel über dem Hals, der Stein im Mund, der Pfahl im Herzen, der abgeschlagene Kopf zwischen den Füßen erzählen von einer Angst, die so alt ist wie das Begraben selbst. Und sie erinnern daran, dass die Untoten unserer Filme nur die jüngsten Masken einer Furcht sind, die der Mensch nie ganz abgelegt hat: dass es eines Nachts an der Tür klopft und draußen jemand steht, den man längst begraben hat.

Quellen & Weiterführendes

  • Barber, Paul: Vampires, Burial, and Death: Folklore and Reality. Yale University Press, 1988.
  • Lecouteux, Claude: The Return of the Dead: Ghosts, Ancestors, and the Transparent Veil of the Pagan Mind. Inner Traditions, 2009.
  • Caciola, Nancy Mandeville: Afterlives: The Return of the Dead in the Middle Ages. Cornell University Press, 2016.
  • Folklorepedia Bestiary: Zum Bestiary

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