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Wassergeister, die in die Tiefe ziehen: Rusalka, Kelpie, Mami Wata & La Llorona

Mondbeschienenes Moor und Wasser, Heimat tödlicher Wassergeister

Stehendes Wasser hat den Menschen immer in seinen Bann gezogen und ihn ebenso oft verschluckt. Teiche, Flüsse, Lochs und das offene Meer sind in der Folklore fast aller Kulturen bewohnt, und zwar von Wesen, die nichts Gutes im Sinn haben. Sie locken, sie verführen, sie warten am Ufer. Und auffällig oft sind sie weiblich. Von der slawischen Rusalka über das schottische Kelpie und die westafrikanische Mami Wata bis zur weinenden La Llorona Mexikos zieht sich eine Linie tödlicher Wassergeister um den ganzen Globus. Dieser Artikel folgt ihr und fragt, warum gerade das Wasser zum Ort der Verführung und des Todes wurde und warum die Gestalten, die dort lauern, so häufig die Züge einer schönen, gefährlichen Frau tragen.

Rusalka: Die Ertrunkenen der slawischen Flüsse

In der slawischen Folklore gehört das Wasser den Rusalki. Diese weiblichen Geister sind nach verbreiteter Vorstellung die Seelen von Frauen und Mädchen, die im Wasser ertranken, Selbstmord begingen oder vor der Ehe und ohne die nötigen Riten starben, also einen „unreinen" Tod erlitten. Besonders verbunden ist die Figur mit ungetauft gestorbenen Kindern und mit jungen Frauen, die kurz vor ihrer Hochzeit oder schwanger und unverheiratet ums Leben kamen. Sie haben den Schwellenort zwischen Leben und Tod nicht ordentlich überschritten und kehren deshalb in die Welt der Lebenden zurück, gebunden an Flüsse, Seen und Teiche.

Die Ethnologin Linda Ivanits beschreibt in Russian Folk Belief, wie ambivalent die Rusalka in der Überlieferung gezeichnet wird. Mal erscheint sie als blasse, traurige Schönheit mit langem, nassem Haar, die auf den Ästen über dem Wasser sitzt und kämmt; mal als rachsüchtiger Geist, der Männer ins Wasser zieht und Kinder ertränkt. In der nördlichen russischen Tradition ist die Rusalka oft das Bild des kalten, gefährlichen Wassergeistes, während sie in der ukrainischen und südrussischen Überlieferung verführerischer, fast koboldhaft verspielt auftreten kann. Diese beiden Pole, die Verführerin und die Rächerin, sind kein Widerspruch, sondern zwei Seiten derselben Angst.

Ihre gefährlichste Waffe ist die Anziehung. Die Rusalka lockt junge Männer mit Gesang, Lachen und ihrer Schönheit ans Ufer, um sie dann zu umschlingen, zu kitzeln oder einfach in die Tiefe zu ziehen. In manchen Regionen galt die Rusalnaja-Woche nach Pfingsten als besonders gefährlich: In dieser Zeit kämen die Geister aus dem Wasser, tanzten auf den Feldern und in den Birken und seien den Menschen am nächsten. Mädchen trugen damals Kränze, mieden das Baden und hängten Tücher und Leinen als Gaben in die Bäume, um die Rusalki gnädig zu stimmen.

Rusalka, der weibliche Wassergeist der slawischen Folklore
Die Rusalka sitzt am Ufer und kämmt ihr nasses Haar, schön und gefährlich zugleich.

Hinter dem Mythos steht eine doppelte Wirklichkeit. Zum einen die schlichte Gefahr des Wassers: Flüsse und Teiche forderten regelmäßig Ertrunkene, vor allem unter Kindern und unvorsichtigen jungen Leuten. Zum anderen die soziale Lage der Frauen, die zu Rusalki wurden. Es sind fast durchweg Frauen, deren Leben durch Tod, Schande oder gebrochene Versprechen aus der Bahn geriet. Die Rusalka ist damit auch ein Echo realer weiblicher Schicksale: die Verlassene, die Schwangere ohne Ehemann, die zu früh Gestorbene, die als Geist zurückkehrt und die Welt der Lebenden nicht loslässt.

Kelpie und Each-uisge: Die Wasserpferde Schottlands

Schottland verlegt die Gefahr des Wassers in eine andere Gestalt: das Pferd. Das Kelpie ist der bekannteste Wassergeist der schottischen Folklore, ein Wesen, das die Flüsse und Bäche des Landes bewohnt und meist als prächtiges, scheinbar zahmes Pferd am Ufer erscheint. Katharine Briggs schildert in ihrem A Dictionary of Fairies das Kelpie als trügerisch einladend: Ein gesatteltes oder ungesatteltes Ross steht da, ruhig und schön, als warte es nur darauf, bestiegen zu werden.

Wer aufsteigt, ist verloren. Die Haut des Kelpie wird klebrig, der Reiter kann sich nicht mehr lösen, und das Pferd stürzt sich mit ihm in den Fluss, um ihn zu ertränken und zu verschlingen. In manchen Erzählungen erscheint das Kelpie auch als Mann, ein gut aussehender Fremder, an dem das Wasser und der Tang im Haar verraten, was er wirklich ist. Briggs verweist darauf, dass das Kelpie eng mit der Gefahr von Furten, Mühlteichen und reißenden Strömen verknüpft ist, also genau mit den Orten, an denen Menschen tatsächlich ertranken.

Noch bösartiger ist der nahe Verwandte des Kelpie aus den Highlands und auf den Inseln: das Each-uisge, das „Wasserpferd". Während das Kelpie in Süßwasserläufen lebt, haust das Each-uisge in Lochs und Meeresarmen und gilt als das gefährlichste aller schottischen Wasserwesen. Auch es erscheint als Pferd oder als stattlicher Mann. Sobald ein Mensch das Tier berührt, klebt seine Haut daran fest. Das Each-uisge trägt sein Opfer ins tiefe Wasser, zerreißt es und lässt der Überlieferung nach nur die Leber zurück, die an die Ufer gespült wird. Diese ausgesprochen blutige Note unterscheidet es vom eher hinterhältigen Kelpie.

Beide Wesen tragen dieselbe Botschaft: Traue der schönen Erscheinung am Wasser nicht. Das prächtige Pferd, der freundliche Fremde, die ruhige Oberfläche des Lochs, all das ist eine Einladung, die mit dem Leben bezahlt wird. In einem Land voller tiefer Seen, kalter Flüsse und tückischer Gezeiten waren diese Geschichten zugleich Mahnung und Erklärung für jeden, der nicht zurückkam.

Wusstest du?

Eine wiederkehrende Erzählung berichtet von mehreren Kindern, die nacheinander auf den klebrigen Rücken eines Each-uisge steigen, weil dieser sich immer weiter streckt, um sie alle aufzunehmen. Nur ein Kind, das sich weigert oder gerade noch entkommt, überlebt und kann erzählen, was geschah.

Mami Wata: Reichtum und Gefahr aus dem Wasser

In West- und Zentralafrika und in der gesamten afrikanischen Diaspora herrscht über dem Wasser eine andere große Gestalt: Mami Wata, „Mutter Wasser". Der Kunsthistoriker Henry John Drewal, der die Verehrung der Mami Wata über Jahrzehnte erforscht hat, beschreibt sie als eine transkulturelle Wassergottheit, die als schöne Frau mit langem Haar erscheint, häufig mit dem Unterleib einer Schlange oder eines Fisches und fast immer in Begleitung einer großen Schlange, die sich um ihren Körper windet.

Mami Wata ist nicht einfach ein bösartiger Geist, sondern eine mächtige, ambivalente Gottheit. Sie verkörpert die widersprüchlichen Kräfte des Wassers: Sie schenkt Schönheit, Reichtum, Heilung und Fruchtbarkeit, kann aber ebenso Wahnsinn, Unglück und Tod bringen. Wer ihr begegnet, etwa indem er ihr an einem Flussufer oder Strand begegnet und einen Gegenstand von ihr annimmt, kann mit unermesslichem Wohlstand belohnt werden, verpflichtet sich damit aber zu Treue und mitunter zur Ehelosigkeit gegenüber menschlichen Partnern. Bricht der oder die Verehrte den Pakt, folgt die Strafe.

Drewal zeigt, wie eng Mami Wata mit dem Handel, dem Meer und der Begegnung der Kulturen verbunden ist. Ihr Bild hat sich über Jahrhunderte aus afrikanischen Wassergeistern, europäischen Meerjungfrauenbildern und Darstellungen aus dem Handel mit Asien geformt. Eine berühmte Druckgrafik einer Schlangenbeschwörerin aus dem späten 19. Jahrhundert wurde in Westafrika so populär, dass sie zu einem festen Bildtyp der Mami Wata wurde. So spiegelt die Gottheit selbst die Geschichte von Handel, Kolonialismus und kulturellem Austausch entlang der Küsten wider.

Anders als Rusalka oder Kelpie ist Mami Wata bis heute eine lebendige religiöse Wirklichkeit. In Nigeria, Togo, Benin, der Demokratischen Republik Kongo und in der Diaspora etwa in Haiti und Brasilien wird sie aktiv verehrt, mit Schreinen, Altären, weißen und roten Farben, Spiegeln, Parfüm und Tanz. Sie steht für den Reichtum, der aus dem Wasser kommt, und für die Gefahr, die mit ihm verbunden bleibt, denn das Wasser, das Leben spendet, kann es ebenso nehmen.

La Llorona: Die Weinende am Fluss

In Mexiko und weiten Teilen Lateinamerikas hört man sie, bevor man sie sieht. La Llorona, „die Weinende", ist der vielleicht bekannteste Wassergeist des amerikanischen Kontinents: eine Frau in Weiß, die nachts an Flüssen, Seen und Kanälen entlangwandert und um ihre toten Kinder klagt.

Die verbreitetste Fassung ihrer Geschichte erzählt von einer Frau, die ihre eigenen Kinder im Fluss ertränkte, meist aus Verzweiflung, Eifersucht oder Verlassenheit, nachdem ihr Mann oder Geliebter sie für eine andere verlassen hatte. Vom eigenen Gewissen oder vom Himmel zurückgewiesen, ist sie verdammt, für alle Zeit nach ihren Kindern zu suchen. Ihr Klagen, „Ay, mis hijos", hallt über das Wasser. Wer ihr begegnet, vor allem Kinder und nachts allein umherstreifende Männer, läuft Gefahr, von ihr für ihre verlorenen Kinder gehalten und in den Fluss gezogen zu werden.

La Llorona, die weinende Frau am Fluss aus der mexikanischen Folklore
La Llorona wandert klagend am Wasser entlang, auf der ewigen Suche nach ihren ertränkten Kindern.

La Llorona ist tief in der Geschichte Mexikos verwurzelt und wird oft mit vorspanischen Vorstellungen verknüpft, etwa mit Gottheiten und Vorzeichen, die den Untergang der Mexica ankündigten. Manche Deutungen verbinden sie auch mit der Figur der Malinche, der indigenen Dolmetscherin und Gefährtin des Eroberers Cortés, und lesen La Llorona als Klage über Verrat, Verlust und die Wunden der Kolonialgeschichte. Was auch immer ihr Ursprung sein mag, ihre Funktion im Alltag ist klar: Sie ist die Geschichte, mit der man Kinder vom dunklen Flussufer fernhält. Geh nach Einbruch der Nacht nicht ans Wasser, sonst holt dich La Llorona. Mehr zu ihrer Gestalt findest du im Eintrag zu La Llorona im Bestiary.

In ihrer Rolle als ewig klagende Frau steht La Llorona einer ganzen Familie weiblicher Trauer- und Todesgestalten nahe. Die irische Banshee etwa kündigt mit ihrem Klagen den Tod an, statt ihn selbst zu bringen, doch beide verkörpern die unheimliche Macht der weiblichen Stimme an der Schwelle zwischen Leben und Tod.

Nixen, Nöcke und das japanische Wasser

Auch der germanische und nordeuropäische Raum kennt seine Wassergeister. Die Nixe und der männliche Nöck (auch Neck oder Nix) bewohnen Flüsse, Seen und Mühlteiche. Die Nixe erscheint als schöne Frau, oft mit Fischschwanz, die Männer mit Gesang und Anmut ins Wasser lockt; der Nöck spielt verführerische Melodien auf Geige oder Harfe und zieht die Lauschenden in die Tiefe. In vielen Sagen warnen Eltern ihre Kinder vor dem Wasser, in dem der Nöck wohnt, der jedes Jahr ein Opfer fordere.

Verwandt ist die literarisch berühmt gewordene Undine, ein weiblicher Wassergeist ohne unsterbliche Seele, der diese erst durch die Liebe eines Menschen gewinnen kann. Hier verschiebt sich der Ton vom rein Bedrohlichen ins Tragische: Die Undine ist Opfer und Gefahr zugleich, eine Frau, deren Liebe zum Menschen für beide Seiten todbringend werden kann. Die Verbindung von Wasser, weiblicher Verführung und tödlichem Ausgang bleibt dieselbe.

Am anderen Ende der Welt, in Japan, lauert im Wasser der Kappa, ein froschartiges Wesen mit Schildkrötenpanzer und einer mit Wasser gefüllten Vertiefung auf dem Kopf. Der Kappa zieht Menschen und Vieh in Flüsse und Teiche und gilt als Erklärung für Ertrinkungsunfälle, besonders von Kindern. Auch er trägt die alte Warnung in sich: Spiele nicht unbeaufsichtigt am Wasser. Über solche Wesen und ihre dunkle Seite hält das Dark Folklore der Folklorepedia weiteres Material bereit.

Der gemeinsame Kern: Wasser als Grenze zur Anderswelt

So verschieden Rusalka, Kelpie, Mami Wata und La Llorona auch sind, sie teilen einen Kern. In allen vier Traditionen ist das Wasser nicht bloß Landschaft, sondern Grenze: die Oberfläche zwischen unserer Welt und einer anderen, in der die Toten, die Geister und das Unheimliche wohnen. Wer ans Ufer tritt, nähert sich dieser Schwelle. Wer ins Wasser geht, überschreitet sie.

Aus dieser Grenzlage ergibt sich die zweite Gemeinsamkeit: Die Wassergeister sind Mahnungen. Halte die Kinder vom Fluss fern. Steig nicht auf das fremde Pferd am Ufer. Trau der schönen Unbekannten am Wasser nicht. Bade nicht in der gefährlichen Woche, geh nachts nicht allein an den Kanal. Hinter jeder dieser Geschichten steht eine reale Ertrinkungsgefahr, die in einer Welt ohne Schwimmunterricht, ohne Rettungsdienste und ohne gesicherte Ufer allgegenwärtig war. Der Mythos verwandelt die statistische Wahrscheinlichkeit eines Unglücks in eine erzählbare, einprägsame Gefahr mit Gesicht und Namen.

Warum sind Wassergeister so oft weiblich?

Es ist kaum zu übersehen: Die tödlichen Wassergeister dieser Welt sind überwiegend weiblich oder verführerisch. Rusalka, Mami Wata, La Llorona, Nixe und Undine sind Frauen; selbst das Kelpie nimmt gern die Gestalt eines verlockenden Mannes oder eines schönen Tieres an, und sein Lockmittel ist Anziehung. Diese Häufung ist kein Zufall.

Zum einen verknüpft sich die Vorstellung von Wasser seit jeher mit dem Weiblichen, mit Fruchtbarkeit, Geburt und dem Fließenden. Zum anderen, und das wiegt schwerer, verarbeiten diese Mythen eine alte gesellschaftliche Angst vor weiblicher Verführungsmacht. Die schöne Frau am Wasser, die Männer mit Gesang und Schönheit anzieht und sie ins Verderben lockt, ist ein Bild für die als bedrohlich empfundene Macht weiblicher Anziehung, die Männer ihre Vernunft und Kontrolle kosten kann. In einer Welt, die weibliche Sexualität misstrauisch beäugte, wurde diese Macht ins Übernatürliche verlagert und mit dem Tod verbunden.

Zugleich tragen viele dieser Gestalten reale weibliche Schicksale in sich. Die Rusalka ist die ertrunkene oder verstoßene Frau, La Llorona die verlassene Mutter, die Dearg Due der irischen Tradition die zwangsverheiratete Tochter. Hinter der gefährlichen Verführerin steht oft ein Opfer, eine Frau, der Unrecht geschah und die als Geist zurückkehrt. Die Wassergeister sind damit nicht nur Projektionen männlicher Angst, sondern auch verschlüsselte Erinnerungen an Frauen, deren Leben am Rand der Gemeinschaft endete, häufig im Wasser. Wie weibliche Gestalten generell die dunkle Seite der Folklore prägen, lässt sich auch in unserem Bestiary nachverfolgen.

Schluss: Wo die Toten warten

Von den Birken über den russischen Flüssen bis zu den Kanälen Mexikos, von den Lochs der Highlands bis zu den Küsten Westafrikas zieht sich dasselbe Bild: das Wasser als Ort, an dem die Toten warten und die Lebenden nicht sicher sind. Die Gestalten, die dort lauern, tragen verschiedene Namen und Formen, doch ihre Botschaft ist überall dieselbe. Das Wasser gibt und nimmt. Es lockt mit Schönheit, Reichtum und Verheißung und verbirgt dahinter die Tiefe, aus der niemand zurückkehrt. Wer ans Ufer tritt, sollte wissen, dass die ruhige Oberfläche eine Grenze ist und dass auf der anderen Seite jemand wartet.

Quellen & Weiterführendes

  • Ivanits, Linda J.: Russian Folk Belief. M. E. Sharpe, 1989.
  • Briggs, Katharine: A Dictionary of Fairies: Hobgoblins, Brownies, Bogies, and Other Supernatural Creatures. Allen Lane, 1976.
  • Drewal, Henry John (Hrsg.): Mami Wata: Arts for Water Spirits in Africa and Its Diasporas. UCLA Fowler Museum of Cultural History, 2008.
  • Folklorepedia Bestiary: Zum Bestiary

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