Vergleichende Mythologie

Werwölfe weltweit: Lykanthropie von der Antike bis heute

Nächtlicher Waldweg im Mondlicht, das klassische Revier des Werwolfs

Kein Wesen der Folklore verkörpert die Angst vor dem Tier im Menschen so vollständig wie der Werwolf. Der Mensch, der sich bei Nacht in einen reißenden Wolf verwandelt, ist keine Erfindung des Kinos, sondern eine uralte Vorstellung, die sich quer durch die Kulturen zieht. Von Ovids verfluchtem König Lykaon über die wolfsfelltragenden Krieger des Nordens bis zu den blutigen Werwolf-Prozessen der Frühen Neuzeit reicht eine Überlieferung, die immer dieselbe Frage stellt: Wie tief sitzt die Bestie unter der zivilisierten Oberfläche? Dieser Artikel folgt der Lykanthropie durch die Jahrhunderte, prüft die realen Hintergründe der Werwolf-Hysterie und fragt, warum gerade die Verwandlung in den Wolf so gut wie überall auf der Welt ein Echo findet.

Was bedeutet Lykanthropie eigentlich?

Der Begriff Lykanthropie stammt aus dem Griechischen, von lýkos (Wolf) und ánthropos (Mensch). Wörtlich meint er also die Verwandlung eines Menschen in einen Wolf. In der Folklore bezeichnet er den Werwolf im engeren Sinne, in der Medizingeschichte hingegen einen Wahnzustand, in dem ein Mensch glaubt, ein Tier zu sein oder sich in eines zu verwandeln. Beide Bedeutungen begleiten den Werwolf von Anfang an.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen der Verwandlung als äußerem Geschehen und als innerem Erleben. In den meisten Volkssagen ist der Werwolf eine reale, körperliche Bestie, die Vieh reißt und Menschen tötet. In den gelehrten Debatten der Antike und der Frühen Neuzeit dagegen stritt man darüber, ob eine solche Verwandlung überhaupt möglich sei oder ob es sich um Wahn, Täuschung oder das Werk des Teufels handle. Der Werwolf war damit von Beginn an zugleich Monster und Diagnose.

Auffällig ist, dass fast jede Kultur, die mit großen Raubtieren lebt, eine Version dieser Verwandlung kennt. Wo der Wolf das gefürchtete Raubtier war, wurde er zum Werwolf; andernorts traten Bär, Tiger, Leopard oder Hyäne an seine Stelle. Der Wissenschaftler Adam Douglas zeigt in The Beast Within, wie konstant die Vorstellung vom Tier-Menschen über Zeiten und Räume hinweg bleibt. Die Wolfsverwandlung ist die europäische Variante eines weltweiten Musters.

Wie alt ist der Werwolf wirklich?

Die schriftlichen Wurzeln reichen tief in die Antike. Die wohl berühmteste frühe Quelle ist Ovids Metamorphosen, in denen der arkadische König Lykaon dem Göttervater Jupiter Menschenfleisch vorsetzt, um dessen Allwissenheit zu prüfen. Zur Strafe verwandelt Jupiter ihn in einen Wolf. Lykaon behält seine Mordlust, sein graues Haar und seinen wilden Blick, nur die menschliche Gestalt verliert er. Aus seinem Namen leitet sich der Begriff Lykanthropie ab.

Schon vor Ovid berichtet der Geschichtsschreiber Herodot im 5. Jahrhundert vor Christus von den Neuren, einem Volk nördlich der Skythen, von dem es hieß, jeder Neure verwandle sich einmal im Jahr für einige Tage in einen Wolf. Herodot fügt zwar hinzu, er glaube es nicht recht, doch die Vorstellung war offenbar längst im Umlauf. Der Werwolf war bereits in der griechischen Welt ein vertrautes, wenn auch zweifelhaftes Gerücht aus den Randzonen der bekannten Welt.

Eine der lebendigsten antiken Schilderungen findet sich bei Petronius. In seinem Satyricon erzählt die Figur Niceros, wie sein Begleiter sich nachts auf einem Friedhof entkleidet, um seine Kleider uriniert, zu Stein erstarren lässt und sich in einen Wolf verwandelt, der heulend in die Wälder rennt. Am nächsten Tag trägt der Mann eine Wunde am Hals, genau dort, wo man den nächtlichen Wolf verletzt hatte. Dieses Motiv der übertragenen Wunde wird die Werwolf-Überlieferung über Jahrhunderte begleiten.

Waren die nordischen Berserker Werwölfe?

Im hohen Norden trägt die Vorstellung vom Tier-Krieger einen eigenen Namen. Neben den bekannten Berserkern, die sich in der Schlacht mit dem Bären verbanden, kennen die altnordischen Quellen die Úlfhéðnar, wörtlich die „Wolfsfelle" oder „Wolfshäutigen". Diese Krieger trugen Wolfspelze und sollen im Kampf in eine rasende, schmerzunempfindliche Wut verfallen sein, in der sie sich dem Tier annäherten und ihre menschliche Selbstbeherrschung verloren.

Nordische Kriegerkultur, Heimat der wolfsfelltragenden Úlfhéðnar und Berserker
Die Úlfhéðnar des Nordens trugen Wolfsfelle und verschwammen im Kampfrausch zur Bestie.

Die nordische Überlieferung kennt zudem echte Verwandlungssagen. In der Völsunga saga finden Sigmund und sein Sohn Sinfjötli verfluchte Wolfshäute, schlüpfen hinein und können sie tagelang nicht mehr ablegen. Sie streifen als Wölfe durch den Wald, töten Menschen und geraten in einen Zustand, der zwischen Kriegerrausch und tatsächlicher Bestie liegt. Hier verschwimmt die Grenze zwischen dem Krieger, der wie ein Tier kämpft, und dem Menschen, der wirklich zum Tier wird.

Diese Nähe ist kein Zufall. In einer Kriegerkultur, die das Raubtier bewunderte, war der Übergang vom heldenhaften Wolfskrieger zum unkontrollierbaren Untier fließend. Der Wolf stand für Stärke, Wildheit und Furchtlosigkeit, aber auch für den Verlust jeder Kontrolle. Genau dieser Doppelcharakter, die bewunderte und zugleich gefürchtete Bestie, macht den nordischen Wolfskrieger zu einem nahen Verwandten des späteren Werwolfs.

Warum wurden Menschen als Werwölfe hingerichtet?

Die dunkelste Phase der Werwolf-Geschichte liegt nicht in grauer Vorzeit, sondern in der Frühen Neuzeit. Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert wurden in Mitteleuropa, vor allem in Frankreich, Deutschland und der Schweiz, Menschen als Werwölfe angeklagt, gefoltert und hingerichtet. Die Forscherin Caroline Oates hat gezeigt, wie eng diese Prozesse mit der Hexenverfolgung verflochten waren: Der Werwolf galt vielen Richtern als ein Hexer, der mit dem Teufel im Bunde stand.

Der berühmteste Fall ist der des Peter Stumpp, der 1589 bei Bedburg nahe Köln hingerichtet wurde. Unter der Folter „gestand" Stumpp, vom Teufel einen Gürtel erhalten zu haben, der ihn in einen Wolf verwandelte, und über Jahre Vieh, Männer, Frauen und sogar Kinder getötet und gefressen zu haben. Seine Hinrichtung war von grausamer Härte. Ob Stumpp ein realer Mörder, ein psychisch Kranker oder schlicht ein willkürlich Beschuldigter war, lässt sich heute nicht mehr klären.

Im französischen Jura häuften sich ähnliche Fälle. Die Brüder Gandillon und weitere Angeklagte gestanden unter Folter, sich in Wölfe verwandelt und Kinder getötet zu haben. Der Richter Henri Boguet verarbeitete solche Geständnisse in einem berüchtigten Traktat über Hexerei. Willem de Blécourt, einer der wichtigsten heutigen Werwolf-Forscher, betont, dass diese Geständnisse fast durchweg unter Folter oder im Zustand schwerer Not entstanden und mehr über die Ängste der Richter aussagen als über reale Verwandlungen.

Was hat es mit Pakt, Gürtel und Salbe auf sich?

Anders als im modernen Kino wird der Werwolf der Frühen Neuzeit nur selten durch einen Biss erschaffen. In den Prozessakten und Sagen dominieren drei andere Motive: der Pakt mit dem Teufel, der Wolfsgürtel und die Salbe. Wer sich verwandeln wollte, so der verbreitete Glaube, schloss einen Bund mit dem Bösen und erhielt dafür ein magisches Hilfsmittel.

Der Wolfsgürtel, oft aus Wolfshaut gefertigt, taucht in zahlreichen Geständnissen auf. Man legte ihn an und wurde zum Wolf, man löste ihn und kehrte in menschliche Gestalt zurück. Daneben steht die magische Salbe, mit der sich der Verwandlungswillige einreibt, ein Motiv, das eng mit dem Bild der hexerischen Flugsalbe verwandt ist. Beide Vorstellungen verbinden den Werwolf unmittelbar mit dem Reich der Hexerei und des Teufelspakts.

Montague Summers, dessen 1933 erschienenes Werk The Werewolf bis heute eine zentrale Quellensammlung darstellt, trägt eine Fülle solcher Verwandlungsmittel zusammen. So fragwürdig seine eigene Überzeugung von der Realität der Lykanthropie auch ist, sein Buch bewahrt unzählige Detailberichte über Gürtel, Salben und Beschwörungen. Der Werwolf der Frühen Neuzeit war eben kein Opfer eines Fluchs, sondern in den Augen seiner Richter ein willentlicher Verbündeter des Teufels.

Wusstest du?

In mehreren Werwolf-Sagen wird die Verwandlung gebrochen, indem man den Menschen bei seinem Taufnamen anruft oder ihm Stahl, etwa ein Messer, über den Körper hält. Dasselbe Motiv der namentlichen Anrede, die das Tier zurück in den Menschen zwingt, kehrt in zahlreichen europäischen Verwandlungserzählungen wieder.

Steckt hinter dem Werwolf eine reale Krankheit?

Immer wieder wird versucht, die Werwolf-Überlieferung medizinisch zu erklären. Solche Deutungen sind reizvoll, doch sie verlangen Vorsicht: Ein Mythos lässt sich nicht rückwirkend in eine einzelne Diagnose pressen. Mehrere reale Phänomene konnten die Vorstellung dennoch nähren und Berichte über tierhaftes Verhalten verständlicher machen.

An erster Stelle steht die Tollwut. Ein tollwütiger Mensch oder Wolf zeigt genau jene Symptome, die der Werwolf verkörpert: rasende Aggression, Beißlust, Speichelfluss, Lichtscheu und am Ende den Tod. Die Übertragung durch den Biss eines kranken Wolfes erinnert frappierend an die moderne Vorstellung der Werwolf-Ansteckung. In einer Welt voller Wölfe und ohne Impfung war die Tollwut eine reale, ansteckende Bestie, die jeden treffen konnte.

Daneben werden seltene Erkrankungen genannt. Hypertrichose führt zu krankhaft starkem Haarwuchs am ganzen Körper und gab Betroffenen ein tierhaftes Aussehen. Bestimmte Formen der Porphyrie können Lichtscheu, rötliche Zähne und Hautveränderungen verursachen. Schließlich konnte der Ergotismus, die Vergiftung durch Mutterkorn im Getreide, Halluzinationen, Krämpfe und Wahnzustände auslösen, in denen Menschen tatsächlich glaubten, sich zu verwandeln. Keine dieser Krankheiten erklärt den Werwolf allein, doch alle zusammen zeigen, wie reale Erfahrung und Mythos ineinandergriffen.

Gibt es Werwölfe auch außerhalb Europas?

Die Wolfsverwandlung ist europäisch, doch die Tierverwandlung ist universell. Überall, wo der Mensch mit gefährlichen Raubtieren lebte, entstand die Vorstellung von Menschen, die deren Gestalt annehmen können. Der Wolf war dabei nur das mitteleuropäische Gesicht eines weltweiten Glaubens an Gestaltwandler. Wer dieser Linie weiter folgen will, findet sie im Beitrag über Gestaltwandler weltweit ausführlich nachgezeichnet.

Der Leshy, Waldgeist der slawischen Folklore und Sinnbild der Verwandlung im Wald
Der Wald als Ort der Verwandlung: Hier verliert der Mensch die Grenze zwischen sich und der Bestie.

In Mesoamerika kennt die Überlieferung den Nagual, einen Menschen, meist einen Zauberer oder Heiler, der die Fähigkeit besitzt, sich in ein Tier zu verwandeln, häufig in einen Jaguar, eine Eule oder einen Coyoten. Der Nagual ist keine bloße Bestie, sondern eine ambivalente Macht zwischen Schutz und Bedrohung, eng verknüpft mit Vorstellungen von Seele und tierischem Begleiter. An die Stelle des europäischen Wolfes tritt hier das Raubtier des amerikanischen Kontinents.

In Asien verschiebt sich das Bild noch deutlicher. In Indien und Teilen Südostasiens erzählt man von Tigermenschen, die in Tigergestalt durch den Dschungel streifen. In Ostasien dagegen dominiert ein ganz anderer Typ: der listige Fuchsverwandler, die japanische Kitsune oder der chinesische Huli Jing, ein meist weiblicher Geist, der Menschengestalt annimmt, um zu verführen und zu täuschen. Im Gegensatz zum reißenden Werwolf verkörpert der Fuchs nicht rohe Gewalt, sondern Trug und Verführung, ein aufschlussreicher kultureller Kontrast.

Warum verwandelt sich der Werwolf bei Vollmond?

Eine der hartnäckigsten Annahmen ist falsch: Der Vollmond als Auslöser der Verwandlung gehört nicht zur alten Überlieferung, sondern ist eine späte, weitgehend popkulturelle Erfindung. In den meisten historischen Sagen und Prozessakten verwandelt sich der Werwolf durch Gürtel, Salbe, Pakt oder Fluch, nicht durch den Anblick des Mondes. Der Mond spielt dort, wenn überhaupt, nur eine atmosphärische Rolle.

Erst das Kino des 20. Jahrhunderts machte den Vollmond zum festen Mechanismus. Der Hollywood-Film The Wolf Man von 1941 prägte das Bild des unschuldigen Mannes, der durch einen Biss verflucht wird und sich fortan bei Vollmond gegen seinen Willen verwandelt. Auch das Silbergeschoss als einziges wirksames Tötungsmittel und die Ansteckung durch den Biss verdanken sich weitgehend dieser modernen Erzähltradition. Der populäre Werwolf ist damit jünger, als die meisten vermuten.

Dieser Befund ist mehr als eine Fußnote. Er zeigt, wie stark unser scheinbar uraltes Bild des Werwolfs von der Moderne geformt ist. Die Folklore kannte den Werwolf als willentlichen Teufelsbündner oder Verfluchten; das Kino machte aus ihm das tragische Opfer eines unkontrollierbaren Schicksals. Beide Werwölfe existieren nebeneinander, doch nur der ältere ist wirklich überliefert.

Was verkörpert der Werwolf in uns?

Hinter all den Sagen, Prozessen und Filmen steht eine einzige, sehr menschliche Angst: die Angst vor dem Tier im Menschen. Der Werwolf ist das Bild für den Kontrollverlust, für den Moment, in dem Vernunft, Sitte und Selbstbeherrschung zerreißen und etwas Wildes, Gewalttätiges hervorbricht. Er fragt, wie dünn die Schicht der Zivilisation wirklich ist.

Diese Deutung erklärt, warum der Werwolf so oft mit Krieg, Wut und Raserei verknüpft ist. Vom nordischen Wolfskrieger bis zum geständigen Mörder der Hexenprozesse geht es immer um den Menschen, der die Grenze zur Bestie überschreitet. Der Werwolf macht die dunkle, triebhafte Seite sichtbar, die jeder in sich vermutet und fürchtet. Er ist das Fremde im Eigenen, das in der Nacht hervortritt.

Zugleich ist der Werwolf eine Figur der Grenze. Er gehört weder ganz zum Menschen noch ganz zum Tier, weder zum Dorf noch zum Wald, weder zum Tag noch zur Nacht. In dieser Zwischenstellung berührt er dieselben Schwellen, an denen auch andere dunkle Gestalten der Folklore wohnen. Wer dieser Schattenseite weiter nachgehen möchte, findet im Dark Folklore und im Bestiary der Folklorepedia reichlich Material.

Schluss: Der Wolf, der wir sein könnten

Von Lykaons Fluch über die Wolfsfelle des Nordens bis zu den Scheiterhaufen der Frühen Neuzeit zieht sich dieselbe Vorstellung: dass der Mensch das Tier nie ganz abgelegt hat. Der Werwolf ist keine bloße Gruselfigur, sondern eine kulturelle Antwort auf reale Gefahren, auf Tollwut und Wölfe, auf Mord und Wahn, und zugleich ein Spiegel der Angst vor der eigenen Wildheit. Ob als Teufelsbündner, Verfluchter oder tragisches Filmopfer bleibt er die Verkörperung jener Schwelle, an der das Menschliche endet und die Bestie beginnt. Solange Menschen ihre eigene dunkle Seite fürchten, wird der Wolf bei Nacht aus dem Wald treten.

Quellen & Weiterführendes

  • Summers, Montague: The Werewolf. Kegan Paul, 1933.
  • Douglas, Adam: The Beast Within: A History of the Werewolf. Chapmans, 1992.
  • Oates, Caroline: Trials of Werewolves in the Franche-Comté in the Early Modern Period. University of London, 1993.
  • de Blécourt, Willem (Hrsg.): Werewolf Histories. Palgrave Macmillan, 2015.
  • Folklorepedia Bestiary: Zum Bestiary

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